Donnerstag, 11. Februar 2016

Die unendliche Geschichte von Joséphine und Johannes: Teil 1 - Das Wiedersehen




Verbesserungsvorschläge auf den ersten Stapel.
  Lobeshymnen auf den zweiten.
  Einladungen auf den dritten.
  Drohbriefe auf den vierten.
  Hassnachrichten auf den fünf-… ach was, nein, die kommen zu den Drohbriefen.
  Joséphine legte mit gerunzelter Stirn die Finger aneinander, lehnte sich in ihrem Chefsessel zurück und betrachtete die vier Stapel ungeöffneter Briefe auf ihrem Schreibtisch. Ein Außenstehender würde jetzt vermutlich sagen, hm, okay, sie hat die Stapel sortiert, aber woher sollte sie deren Inhalt kennen?
  Doch in diesem Punkt war Joséphine ein Genie für sich. Wie in vielen anderen Punkten zwar auch – beispielsweise wenn es darum ging, die täglichen Geschäftsaufgaben im Kopf auszurechnen oder ein Gefühl für die Bewerber zu entwickelt, die sich für einen bestimmten Job am besten eignen würden –
aber in diesem einen Punkt war sie sogar einzigartig. Drückte ihr jemand einen Brief in die Hand, wusste sie sofort, um welche der fünf Kategorien es sich handelte. Natürlich gab es noch mehr Kategorien, zum Beispiel die vielen Fanbriefe mit frankiertem Rückumschlag, oder die der Menschen, die ihr Ideen für neue Produkte zu verkaufen versuchten, doch am Häufigsten traf Joséphine an ihrem Arbeitsplatz eben auf diese fünf.
  Und sie kam eigentlich damit klar. Verbesserungsvorschläge waren unwichtig, Lobeshymnen waren unwichtig (obwohl… hier musste sich Joséphine eingestehen, dass sie an depressiven Tagen gerne einen dieser Briefe öffnete, die sie heimlich mit heim nahm), Drohbriefe und Hassnachrichten waren ebenfalls unwichtig.
  Und unwichtige Dinge mussten eliminiert werden, handelte es sich hier nun um Menschen, Gegenstände, andersartige Lebewesen… oder Briefe. So lautete Joséphines Devise.
  Also lehnte sie sich grimmig vor und fegte Stapel eins, zwei und vier mit einem lässigen Handstreich von ihrem gigantischen mahagonibraunen Schreibtisch, den sie bei einer Verlosung gewann, an der sie gar nicht teilgenommen hatte, hinein in den Papiermüll.
  Sie begann damit, den verbliebenen Stapel zu beäugen, doch dann driftete ihr Blick zum Mülleimer ab. Sie versicherte sich, dass die Tür zu ihrem Büro in den nächsten zehn Sekunden nicht geöffnet werden würde – eine weitere wundersame Eigenschaft von Joséphine –, griff in den Haufen der Briefe und zog zielsicher zwei Lobesnachrichten heraus, die es ihr schon vorher angetan hatten. Depressive Tage kamen immer allzu unerwartet, und man konnte nie genug Trost zu Hause haben.
  Joséphine steckte die Briefe in ihre hintere Hosentasche und wandte sich diesmal endgültig dem letzten Stapel Briefe auf ihrem Tisch zu.
  „Sehr geehrte Frau Princet, ich freue mich, sie anlässlich ihres Gewinns des großen Weltliteraturpreises zu einer Siegesfeier für einen Abstecher nach Sidney einladen zu dürfen…“ Schon beim ersten Brief runzelte Joséphine die Stirn und knabberte an ihrem Stift, einem Kuli aus Eigenproduktion, wie sie sie täglich zu tausenden an Schulen verschenkte, herum – mehr aus Langeweile als aus Nachdenklichkeit.
  Und sie überlegte auch nicht, ob sie teilnehmen sollte, sondern wie sie formulieren könnte, dass sie nicht teilnahm. Sie hatte mittlerweile alle zehn Weltliteraturpreise des letzten Jahrzehnts und anderes unnützes Zeug gewonnen, dass sie das berühmte Opernhaus in Sidney bereits auswendig kannte.
  Die ganzen Preise waren in Joséphines Augen nichts anderes als Bestätigungen ihres Könnens und ihrer Genialität, die ihr anscheinend angeboren war und die ihr so ziemlich jede Pforte öffnete, die sie jemals betreten wollte. Sie waren unwichtiges, billiges, aber doch sehr dekoratives Zeugs, mit dem man gut angeben kann, ohne wirklich anzugeben, indem man einfach ein paar dezente, aber nicht zu versteckte Vitrinen in seiner Villa aufstellte. So machte sie ihre Untergebenen neidisch, ihre Besucher (alles neureiche Möchtegern-Millionäre, die es verdient hatten, neidisch gemacht zu werden), und natürlich sich selbst. Bis sie dann herausfand, dass sie keinen Grund hatte, auf sich selbst neidisch zu sein und glücklich wie ein kleines Kind mit einer ihrer Auszeichnungen in der Villa herumhüpfte.
  Zum Glück passierte das nicht so oft, allenfalls ein bis zwei Mal pro Tag, einmal wenn sie morgens zur Arbeit ging, und einmal wenn sie abends zurückkam.
  „…leider ablehnen. Mit freundlichen Grüßen, Joséphine Princet.“
  „Bah“, meinte Joséphine und setzte ihre geschwungene Unterschrift auf das Dokument, bevor sie den Brief (hochwertiges Papier aus eigener Produktion) faltete und in einen Umschlag steckte, ihn adressierte und einen neuen Stapel, einen mit zu verschickenden Briefen, begann.
  Dann machte sich die Chefin der weltweit bekannten Computerproduktion Microsoft daran, weitere Einladungen höflich, aber absagend zu beantworten.
  Wäre heute ein normaler Tag, würde sie nur mit einem Kaffee in der Hand in ihrem Sessel sitzen, die Beine entspannt auf den Schreibtisch gelegt, während der Stapel Arbeit vor ihrer Nase mit jeder Stunde größer wurde, jedes Mal um etwa fünf Zentimeter, wenn Susan neues Material brachte. Vielleicht läge auch ein Buch neben ihr, in dem sie ab und zu geblättert hätte, vielleicht eines ihrer geliebten Fantasy-Bücher, oder heute doch mal wieder einen Thriller?
  Aber die meiste Zeit würde sie nur dasitzen, aus dem Fenster schauen, nachdenken, Kaffee trinken und von Ferien träumen. Die Arbeit würde sie dann erst spät am Abend machen, per Computer, damit niemand ihre nachlässige und müde Handschrift kommentieren konnte, und dann würde sie erst sehr spät nach Hause gehen. Nach Hause, in ihre gigantische Villa, die alles hatte, was man sich nur wünschen konnte, und noch einiges mehr. Sie würde das Licht auslassen, damit sie ihre Trophäen nicht sah und nicht würde widerstehen können, sie von oben bis unten mit verliebten Küssen zu bedecken, doch wenn sie dann später nicht einschlafen konnte, würde sie sich hinunterschleichen, sich ihren Lieblingspreis schnappen und ein wenig mit ihm über den flauschigen Teppich tanzen, mit dem ihr fünftes Wohnzimmer ausgelegt war. Danach würde sie dann merken, dass sie prima würde einschlafen können, und dann würde sie überlegen, ob sie es nicht gleich hätte tun können, wenn sie beim Heimkommen das Licht eingeschaltet hätte.
  Am nächsten Tag würde sie es dann aber wieder nicht tun und um Mitternacht aufstehen und tanzen, und vielleicht würde sie sich noch ein Glas Milch einschenken und ihrem Spiegelbild zuprosten, bevor sie lächelnd den Milchbart abwischen und ohne die Zähne zu putzen (ohmeingott) wieder ins Bett schlüpfen würde.
  Ja, ungefähr so sah Joséphine Princets Alltag aus, und sie liebte es, reich und erfolgreich zu sein und sich alles kaufen zu können, was das Herz begehrte.
  Doch heute war alles andere als ein normaler Tag.
  Denn Joséphine Princet wollte in Urlaub fahren.
  Sie wurde abrupt aus ihrer konzentrierten (und verträumten) Arbeit gerissen, als die Tür zu ihrem Büro aufgerissen wurde – oder besser gesagt: getreten, denn die Person hatte keine Arme frei – und Susan, Joséphines Büroassistentin ins Zimmer gestürmt kam, einen geradezu gigantischen Stapel Bewerbungsmappen auf dem Arm haltend, den sie schnaufend auf den Schreibtisch ihrer Vorgesetzten fallen ließ.
  Joséphine zog eine Augenbraue hoch und blickte über den Stapel hinweg in Susans rotes Gesicht. „Wie wär’s mit klopfen?“
  Susan, die bisher zusammengesunken auf einem der Besuchersessel saß und schnaufend gen Boden blickte, fuhr auf. „Was? Bitte?“
  Joséphine verdrehte genervt die Augen. „Die Tür. Deine Hand. Klopfen. Kapiert?“
  Susan nickte eilig. „Ja, klopfen, immer schön klopfen, mach ich gerne Frau Chefin, klopf-klopf!“
  Joséphine lächelte gespielt. „Ja, immer schön klopfen.“ Sie hatte Susan erwartet, und sie war auch auf die Minute rechtzeitig gekommen, doch dass sie so hereinplatzte, hatte sie ihr schon mehrere Male verboten. Eigentlich hatte sie Susan die Kündigung angedroht, sollte etwas derart Unhöfliches noch einmal geschehen, doch leider war ihr Susans schlimme Lage durchaus bewusst.
  Sie erinnerte sich, wie das ganze Schlamassel mit ihrer unfähigen Assistentin überhaupt angefangen hatte. Susan verlor ihre Eltern als sie zwölf war und wanderte danach zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester sofort in ein Waisenhaus,. Ihre Schwester wurde nach vier Jahren, als sie volljährig wurde, entlassen, und verschwand dann mit ihrem Freund irgendwo am anderen Ende der Welt, ohne eine weitere Nachricht an ihre kleine Schwester, die noch zwei Jahre abzusitzen hatte. Susan war in der kleinen Einrichtung für Waisen immer eine Art Außenseiterin gewesen, und desto schlimmer war es für sie, dass sie, als sie volljährig wurde, ohne irgendwelche Mittel aus dem Waisenhaus verwiesen wurde. Sie hatte weder Freunde, die sie um Unterstützung hätte bitten können, noch Familienmitglieder, denn mit ihrer Schwester waren alle möglichen Bezugspersonen verschwunden. Früher hatte keine Pflegefamilie sie haben wollen, da sie generell mit fremden Menschen nicht klarkam, ohne sie versehentlich vor den Kopf zu stoßen, und nach ihrer Entlassung… tja, danach sollte sie verdammt nochmal selbst klarkommen, machte ihr das Waisenhaus nicht gerade feinfühlig klar. Es war hoffnungslos überfüllt und hatte keine Reserven mehr dafür übrig, sich um das verlassene Schwesterlein zu kümmern. Susan kam in einem Obdachlosenheim unter, das sich rührend um sie kümmerte und ihr bei der Jobsuche half.
  Es war völliger Zufall, dass Joséphine zu genau dieser Zeit ihre alte Büroassistentin verlor (die Arme wurde vergewaltigt und bekam dann massive Panikanfälle schon beim bloßen Anblick eines Menschen; im Moment wohnt sie auf einer etwa fünfzig Quadratmeter großen Insel mitten im Pazifik und lebt vom Fischfang, zufrieden mit sich und der Welt) und Susan ihr über den Weg lief. Beide wollten zum Arbeitsamt, Susan, um sich einen Job zu suchen, und Joséphine, um eine Suchanzeige für eine Büroassistentin aufzugeben.
  Die Sache war schnell geklärt.
  Im Nachhinein dachte Joséphine jedoch, dass Susan an diesem Tag Drogen genommen haben musste. Es gab ansonsten keine andere Erklärung
Erklärung dafür, dass sie einen guten Eindruck bei der Chefin von Microsoft hinterlassen hatte.
Hatte.
  Oder vielleicht hatte ja Joséphine ein paar therapeutische Muntermacher zu viel genommen, sie wusste es nicht mehr genau. Seit sie reich war, war dieses selbstverständlich absolut legale Zeug so einfach zu bekommen, da achtete sie gar nicht mehr darauf, wie viel sie nahm. Aber es erleichterte ihren Arbeitstag ungemein und unterstützte sie beim Denken, wenn sie wie jeden Tag mit hochgelegten Füßen in ihrem Büro saß und über den Sinn des Lebens nachdachte (oder ihn suchte, denn gefunden hatte sie ihn schließlich noch nicht).
  Jedenfalls, um auf das Thema zurückzukommen, Joséphine hatte sich des armen Dings vor drei Jahren angenommen und bereute es seit… nun, ebenfalls seit drei Jahren. Susan war unzuverlässig, unsauber und nervtötend. Sie verhielt sich wie ein kleines Kind, und man musste sie auch wie ein kleines Kind behandeln, wenn man mit ihr fertig werden wollte. Joséphine hatte diese Technik bereits perfektioniert. Man musste lobend sein, wenn sie etwas gut gemacht hatte (was selten vorkam), aber man musste auch streng sein, wenn etwas nicht so gut lief. Susan musste schließlich klar werden, dass sie großes Glück gehabt hatte, Joséphine zu treffen, und noch größeres, dass Joséphine ein so großes Herz hatte und sie noch nicht gefeuert hatte. Susan musste zudem lernen, sich besser anzupassen und sich in der Öffentlichkeit besser zu benehmen. Nicht, dass sie erneut Kaffe über sämtliche Teilnehmer eines wichtigen Meetings schüttete, wie sie es erst vor kurzem getan hatte.
  Joséphine streckte lächelnd, aber entschieden den Zeigefinger aus und deutete zur Tür. „Verschwinde schon!“, sagte sie, da sie den jämmerlichen Anblick Susans nicht länger ertragen konnte. Ihr war schon immer klar gewesen, dass sie Susan nie entlassen würde, wie diese sich auch benahm. Auf eine gewisse trottelige Art hatte Joséphine sie eben doch ins Herz geschlossen, und wer das schaffte, musste schon etwas Besonderes sein.
  Oder einfach verdammt großes Glück haben.
  Aber jetzt waren erst einmal Ferien angesagt, und in dieser Zeit konnte sich Joséphine endlich wieder entspannen, ihre Familie und Freunde treffen und gemütliche Tage verbringen, auch wenn es nur wenige waren. Auch auf die Flüge freute sie sich, ihrer Meinung nach gab es keine bessere Reisemöglichkeit als ein Flugzeug mit erster Klasse.
  Joséphine hatte die freien Tage bitter nötig. Seit dem ultimativen Freundestreffen letztes Jahr (bei dem sie ihren Freundinnen Clara und Steffie dabei geholfen hatte, den internationalen Superstar Philipp Haag aus den Klauen eines rachsüchtigen und in die Jahre gekommenen Lehrers zu befreien) hatte sie keine freien Tage mehr gehabt, sondern geschuftet wie ein Ackerknecht (das ganze Träumen und Kaffeetrinken machte Joséphine wirklich fertig), und auch ihr Arzt warnte sie besorgt vor einem möglichen Burnout. Joséphine hatte einiges über das Burnout-Syndrom gelesen, und war vollkommen zufrieden damit, noch davon verschont gewesen zu sein.
  Nach langem Drängen ihres Arztes hatte sie schließlich nachgegeben und versprochen, sich ein paar Tage von dem ganzen Arbeitsstress freizunehmen.
  Ein Problem bei der ganzen Sache gab es allerdings noch, und das lautete Johnson.
  Als Susan erschrocken über ihren groben Ton aufsprang und zur Tür rannte, hielt Joséphine sie noch einmal auf und deutete galant auf den Stapel Bewerbungen, der immer noch vor ihrer Nase stand. „Nimm den Dreck bitte wieder mit und leg sie auf dem Weg nach unten Johnson auf den Schreibtisch. Ich mache demnächst Urlaub.“
  Sie beachtete Susans große Augen nicht – Was? Die Chefin macht Urlaub? So was kommt ja seltener vor als eine Sonnenfinsternis! – und tat, als würde sie weiter Einladungen beantworten. Als Susan weg und die Tür zugefallen war, seufzte sie resigniert auf und legte den Stift beiseite. Sie war wirklich nicht für ausdauernde Arbeit geschaffen.
  Sie drehte ihren Stuhl um 180 Grad herum, schlug die Beine übereinander und betrachtete die Skyline von Washington, D.C., durch die Fensterscheibe der verglasten Front ihres Bürogebäudes. Sie sah das Monument, den weltbekannten Obelisken, und sogar das Weiße Haus. Allerdings war sie schon so oft ins Weiße Haus eingeladen worden, dass sie es allmählich überdrüssig wurde. Außerdem würde es lila viel schöner aussehen.
  Wieder einmal staunte sie darüber, wie weit sie es gebracht hatte, wo sie doch als einfach Bürohilfskraft bei Microsoft angefangen hatte, ähnlich wie Susan.
  Bei diesem Gedanken zogen sich ihre Augenbrauen zusammen. Sie musste wirklich deprimierter sein als sie bisher geglaubt hatte, wenn sie jetzt schon Vergleiche zwischen sich und Susan fand.
  Eine Weile überlegte sie noch hin und her, ob Susan eine Bedrohung für sie darstellen könnte, doch schließlich entschied sie sich resolut dagegen, und etwa zeitgleich wurde die Tür hinter ihr so brutal aufgestoßen, dass sie gegen die Wand knallte. Joséphine ließ sich nichts anmerken – obwohl sie sich über die vermutlich gigantische Delle in ihrer Wand durchaus aufregen könnte – und starrte weiterhin nachdenklich aus dem Fenster. Sie dachte daran, dass sie sich extra einen Chefsessel mit hoher Lehne ausgesucht hatte, damit es von hinten so wirkte wie in den Gangsterfilmen mit bösen Bösewichtern. Die hatten immer so große Sessel in denen sie saßen und man sie nicht sehen konnte, um dem Publikum den Augenblick der Enthüllung der Identität des bösen Bösewichts zu verzögern. Joséphine liebte sich in der Rolle des bösen Bösewichts, und sie liebte auch die Gestik und Mimik, die der böse Bösewicht im Film immer trug, wenn er sich herumdrehte: Aneinandergelegte Fingerspitzen, ein überlegenes Lächeln auf dem Gesicht.
  Joséphine hatte Johnsons Ankunft erwartet, sonst säße sie mit ihrer Arbeit nicht mehr hier, sondern schon längst auf der Terrasse ihrer Villa, im strahlenden Sonnenschein, wo sie sich ein wenig bräunen würde, und vielleicht nebenbei eine Fußmassage genießen würde.
  Johnson legte einen wahrhaft johnsonigen Auftritt hin, wie er es immer tat. Keiner konnte besser einen johnsonigen Auftritt hinlegen wie der ehrenwerte Mr. Johnson selbst.
  „Du machst Urlaub? Du machst Urlaub?! Sag mal hast du sie eigentlich noch alle? Wie bescheuert bist du eigentlich! Du kannst mich doch hier nicht mit deiner Schar dummstirniger Kühe alleine lassen! Wir brauchen einen Chef! Wir brauchen dich! Urlaub, ich glaub ich spinne. Wie hast du dir das eigentlich gedacht? Du verschwindest für Wochen auf einer idyllischen Südseeinsel und lässt mich den Saustall hier leiten, noch dazu nur als Ersatzchef, womit ich rein gar nichts anfangen kann? Du hast sie doch nicht mehr alle, du mit deinen verrückten Ideen! Da mach ich nicht mehr mit, ich mach nicht mit bei dem Scheiß, das sag ich dir, ich hab genug von der Welt, adieu, ich fahre schnell in den Baumarkt und kaufe mir ein Seil, nein, aber Urlaub! Wie kommt sie überhaupt darauf? Sie ist verrückt! Verrückt! Total irre! Und wer erfährt es als letztes? Der treue Johnson natürlich!“
  Endlich stoppte er seine Tirade, und Joséphine hörte ihn schnaufen. Vermutlich hatte er alles in einem Atemzug heruntergerattert. Ja, das war Johnson, wie er leibte und lebte. Schon hörte Joséphine ihn erneut tief Luft holen, da tippte sie kurz mit der Fußspitze an die Glasscheibe, wodurch sich der Stuhl drehte und nach exakt 180 Grad vor Johnson stehen blieb, der sich erhitzt auf ihre Schreibplatte gestützt hatte und bereits einen hochroten Kopf hatte. Sie erhob den Zeigefinger, um ihn davon abzuhalten, eine weitere Schimpftirade auf sie loszulassen. Tatsächlich unterließ er es, stellte sich aufrecht hin und verschränkte auffordernd die Arme vor der Brust. Seine Haut nahm wieder eine normale Farbe an.
  Joséphine warf einen kurzen Blick auf den Stapel Berwerbungsmappen, der wieder auf ihrem Schreibtisch lag, entschied sich aber dafür, dieses Thema später anzusprechen. Sie breitete gespielt einladend die Arme aus und begrüßte ihn.
  „Johnson, mein Lieber, ich freue mich auch sehr, dich zu sehen. Möchtest du einen Kaffee? Setz dich doch!“ Sie deutete mit einer einladenden Handbewegung auf einen der Besucherstühle, wunderte sich aber nicht, als Johnson nicht reagierte, sondern sie weiter abwartend anstarrte.
  Also seufzte sie gespielt theatralisch und legte wieder die Fingerspitzen aneinander, wie sie es damals, vor vielen Jahren, bei Angela Merkel abgeschaut hatte, die zu dieser Zeit Bundeskanzlerin in Deutschland war. „Johnson, du bist alles andere als der letzte, der es erfährt, also reg dich nicht darüber auf.  Warum ich es dir nicht gleich gesagt habe? Nun, das liegt schlicht und einfach an meiner perfekten Planung und natürlich meiner Gemütlichkeit. Dadurch, dass Susan es dir sozusagen aus zweiter Hand erzählt hat, konnte ich versichert sein, dass du sofort aufspringst und in mein Büro rennst. Auch habe ich Susans Zeit zum Laufen in dein Büro exakt berechnet, sodass ich sie so lange aufhielt, bis sie um genau 12:35 Uhr dein Büro erreichte – ihre tägliche Laberpause mit Sven einberechnet – und du also genau um 12:37 Uhr in mein Büro gestürmt kam, was genau vor drei Minuten war. Es ist jetzt 12:40 Uhr, genau die Zeit, zu der ich dich hier haben wollte. Nun habe ich zwanzig Minuten, die ich brauche, dir die aktuellen Themen auseinanderzusetzen und um 13:00 endlich mein Büro verlassen zu können. Ist die Frage geklärt?“
  Johnson schwieg sich weiter aus, allerdings glaubte Joséphine, einen amüsierten Funken in seinen Augen aufblitzen zu sehen, was sie als Erfolg wertete. Johnson war schon immer etwas exzentrisch gewesen. „Und jetzt setz dich“, sagte Joséphine schließlich mit bestimmter Stimme.
  Ihm lag ob ihres befehlenden Tons ohne Zweifel ein bissiger Kommentar auf der Zunge, doch er schien ihn sich zu verkneifen und trottete dann gemächlich zum Sessel, wo er es sich gemütlich machte, als erwarte er, einem zweistündigen und todlangweiligen Vortrag lauschen zu müssen.
  Joséphine grinste halb. Johnson mochte zwar ein verrückter, einundzwanzig-jähriger Punker sein, über den sie nicht das Geringste wusste und der rücksichtslos bis in die Fußspitzen war, doch glaubte sie, seine Persönlichkeit mittlerweile gut genug zu kennen um zu wissen, dass er der perfekte Ersatzleiter für ihre Firma war. Er hatte es schließlich nicht ohne Grund auf den Posten des Ersatzchefs geschafft.
  Joséphine erinnerte sich an den Tag, nachdem sie die Anzeige „Ersatzchef gesucht“ in die Zeitung und das Internet gestellt hatte. Mindestens fünfzig Kandidaten hatten sich gemeldet, in der Hoffnung, die Stelle (und damit ein abartig hohes Gehalt) zu ergattern. Dabei hatten sich jedoch sieben Achtel der Bewerber als unfähige Trottel herausgestellt, die nicht einmal die Anzahl der Filialen in Amerika schätzen konnten und stattdessen die Bestellung ihres heutigen Mittagessens aufschrieben.
Joséphine hatte sich resigniert fünf Personen ausgepickt, die für den Platz in Frage kämen, bei keinem jedoch war sie sich wirklich sicher. Dann, fast eine Stunde, nachdem die Bewerbungstreffen abgeschlossen waren und Joséphine eben die Alarmanlage scharfschalten wollte, um nach Hause zu gehen, tauchte dieser magere, erschreckend bunt gekleidete Typ in ihrem Büro auf, die grün und pink gefärbten Haare hochgegelt, eine perfekte Irokesen-Frisur. Schon auf den ersten Blick war Joséphine fasziniert von ihm (sie war schon immer beeindruckt von diesem Style, und sie selbst war alles andere als abgeneigt gegen Dinge wie Piercings und Tattoos, wie ihre Haut selbst bezeugen konnte), doch das Beeindruckendste kam danach. Johnson überflog den Fragebogen, den jeder Bewerber vorgelegt bekommen hatte, nur einmal und warf ihn dann demonstrativ in den Mülleimer.  „Schwachsinnige Fragen“, meinte er. „Und sie wollen die Leiterin von Microsoft sein?“ Danach hatte sie ihm mündlich Fragen gestellt, komplizierte was-wäre-wenn-Fragen (Was machen sie, wenn eine Filiale überfallen wird? Was, wenn ein Feuer ausbricht? Wenn ein Hackerangriff auf unser System gestartet wird? Wir erpresst werden?), die beweisen sollten, dass er wusste, was er in einer bestimmten Situation tun sollte, und ein gestelltes Bewerbungsgespräch mit ihm geführt, denn auch der stellvertretende Leiter musste neue Arbeiter einstellen.
  Oder nur der stellvertretende Chef, denn Joséphine saß ja den ganzen Tag nur auf ihrem Chefsessel und starrte glücklich und verträumt die Skyline von Washington, D.C., an.
  Nun ja, jedenfalls war Joséphine sofort klar, dass sie jedem der vorherigen Bewerber eine Absage erteilen musste, denn der Intelligenzquotient dieses Mannes musste gigantisch sein, so ausgeklügelte Antworten hatte er für jede ihrer Fragen parat. Nie hatte sie eine so zugleich schlampig gekleidete (Johnson war wahrhaft schlampig gekleidet, selbst für einen Punk, was darauf hinwies, dass er anscheinend nicht gerade in den besten sozialen Verhältnissen lebte) und doch so intelligente Person getroffen wie Johnson. Leider war er ziemlich geheimnisvoll, verriet nichts über seine Vergangenheit (obwohl, was konnte ein neunzehnjähriger schon für eine Vergangenheit haben, die es sich zu verbergen lohnte?), was Joséphine zur Weißglut trieb. Sie liebte es, wenn Menschen für sie wie ein offenes Buch waren, und sie ihnen haushoch überlegen war. In Johnson fand sie einen Rivalen, doch bald schon merkte sie, dass das unwichtig war. Sie stand mit ihm auf einer Stufe, er war ihr sehr sympathisch, und bald verstanden die beiden sich super und duzten sich sogar. Sie vertraute ihm, und er vertraute ihr, zumindest, soweit jemand wie Johnson überhaupt jemandem vertrauen konnte. Seine exzentrischen Phasen hatte Joséphine sich jedes Mal selbst zuzuschreiben, indem sie wieder einmal versuchte, ihn nieder zu machen. Ab und zu konnte sie einfach nicht widerstehen, doch kein Mal klappte es. Immer wieder ließ er seine charmante Art spielen und verließ die vor Wut schäumende Joséphine mit einem breiten Grinsen, obwohl es doch sie war, die mit der Kabbelei angefangen hatte.
  Doch diesmal hatte sie es geschafft. Sie hatte ihn unheimlich wütend gemacht und sah dabei sogar noch gut aus, wie sie da gechillt in ihrem Sessel saß und um zehn Stufen überlegender wirkte als er, der doch immer absolut lässig blieb und sich seine Gedanken niemals anmerken ließ. In diesem Moment verfluchte Joséphine ihr selbst ausgedachtes Stufen-System im Kampf gegen Johnson jedoch, denn durch seine sofort wieder aufgesetzte Lässigkeit, mit der er ihr jetzt begegnete, stieg er wieder um fünf Stufen auf.
  Doch im nächsten Moment kümmerte es sie nicht mehr. Sie hatte ihre Genugtuung gehabt, und nun wollte sie ihm erstmal weiter unter die Nase reiben, dass da Großes auf ihn zukam.  „So, Johnson, schön dass du es eingesehen hast. Jetzt können wir vernünftig miteinander reden, von Chef zu Chef sozusagen.“
  Er erlaubte sich ein leises Schnauben, denn er hatte die Ironie im letzten Satz deutlich herausgehört. Joséphine grinste.
  „Aber kommen wir zum Geschäftlichen. Wie du jetzt weißt, mache ich Urlaub, und das schon morgen. Normalerweise erledige ich in Zeiten wie diesen meine Arbeit immer per Computer, auch im Ausland, doch dieses Mal muss es anders werden. Ich kann es mir nicht mehr leisten, stundenlang zu arbeiten. Dabei macht es schließlich keinen Unterschied, ob ich hier in meinem Büro sitze oder irgendwo am Strand oder bei meinen Eltern zu Hause.“
  Johnsons Gesicht war ausdruckslos. „Aha.“
  „Darum“, fuhr Joséphine fort und freute sich auf seine Reaktion. „übertrage ich dir alle Macht, die ich habe, für die Zeit, in der ich im Urlaub bin. Entlassungen, Kostendeckungen, Produktneuerscheinungen, Tagesorganisationen, whatever – alles jetzt deine Aufgabe.“
  Johnson schwieg weiterhin, ein grüblerischer Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Schon war Joséphine enttäuscht. Sie wusste zwar, dass ein Punk wie Johnson nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war, nach seinem Wutausbruch vor fünf Minuten hatte sie allerdings gehofft, dass er heute einen emotionalen Tag hatte. Anscheinend hatte sie sich geirrt, denn Johnson schien nun seine Entscheidung getroffen zu haben und öffnete den Mund. „Einverstanden“, lautete seine einzige Antwort.
  Joséphines Augenbrauen zogen sich zusammen. „Willst du nicht irgendwie… motzen oder so? Oder dich freuen? Oder Irgendwas?“
  Johnson blickte sie überrascht an, mit einem Gesichtsausdruck, der sich nur als Kannst du das bitte wiederholen? Ich glaube, ich habe mich gerade verhört bezeichnen ließ.
  Der Hauch eines Grinsens breitete sich in seinem Gesicht aus, und er zog seine langen Beine zu sich, als er sich gerade hinsetzte. Dann rutschte er vor und ließ sich vor dem Sessel – und somit vor Joséphine – auf die Knie fallen. Er faltete die Hände und blickte mit hinterhältig glitzernden Augen zu ihr auf. „Oh Herrin! Ich danke euch so sehr, dass ihr mir diese Chance gegeben habt! Ich weiß nicht, wie ich das in Zukunft wieder gut machen soll, denn ab jetzt stehe ich unendlich in eurer Sch…“
  „Halt die Klappe!“, zischte Joséphine und sprang auf, während sie erschrocken zur Tür blickte. „Hör auf mit dem Quatsch! Steh auf!“
  Johnson, noch immer in derselben Pose, legte den Kopf schief. „Angst, dass uns jemand so sieht?“, fragte er anzüglich. „Das wäre nicht gerade gut für dein Image.“ Joséphine verpasste ihm nur einen Tritt in die Seite, und er ließ sich gespielt schmerzvoll auf den Boden fallen. Anspielungen dieser Art schien er zu lieben, und er wusste, wie sehr Joséphine es hasste. Wieder einmal musste sie sich eingestehen, dass ihr Plan, Johnson zu erniedrigen, schief gegangen war und sie nur sich selbst erniedrigt hatte. Diese Erkenntnis machte sie so wütend, dass sie den noch immer reglos am Boden liegenden Johnson einen erneuten Tritt in die Seite gab und „Steh auf, du nutzloser Haufen!“, rief.
  Grinsend und unbekümmert richtete Johnson sich auf, pflanzte sich wieder auf den Sessel und beobachtete Joséphine dabei, wie sie versuchte, sich zu beruhigen, und ihn demonstrativ ignorierte.
  Es klopfte an der Tür, und Joséphine setzte sich schnell hin, richtete ihre Haare und rief „Herein!“ Die Tür öffnete sich und Susans Kopf erschien im Spalt.  „Frau Princet? Da ist ein älterer Herr am Eingang, er möchte sie sprechen. Er sagt, es gehe im die Golden Gate Bridge, und sie wüssten, was er damit meint…“
  Joséphine war erst perplex, dann erinnerte sie sich wieder. „Ja, ja, sag ihm ich komme gleich. Setz ihn doch in den Warteraum und gib ihm ein Glas Wasser. Ich…“ Sie warf einen vorwurfsvollen Blick auf Johnson, der sich eingehend mit seinen Fingernägeln beschäftigte, dem Gespräch zwischen Joséphine und Susan jedoch scheinbar keine Aufmerksamkeit widmete. „Ich habe hier noch etwas zu erledigen.“ Sie sah aus den Augenwinkeln, wie Johnson den Kopf hob und grinsend mit den Augenbrauen wackelte. Sie wedelte eilig mit der Hand. „Jetzt geh schon. In fünf Minuten bin ich da.“
  Die Tür fiel zu, und Johnson meldete sich zu Wort. „Was für eine Verschwörung heckst du denn diesmal aus, Herrin? Willst du die Golden Gate Bridge zerstören? Von hier aus?“
  Joséphine legte ein hochnäsiges Gesicht auf und freute sich, mal etwas zu wissen, das Johnson nicht wusste. „Das geht dich nichts an, Untergebener. Dich braucht nur zu interessieren, dass du morgen Chef eines der größten Konzerne der Geschichte der Menschheit wirst. Diese Tatsache solltest du dir klar werden lassen und ein wenig ehren, aber nicht so wie vorhin.“
  Sie drehte sich in ihrem Stuhl wieder zum Fenster. Menschen, klein wie Ameisen, verließen gerade in Scharen die Bürogebäude des Central Business District, um Mittagspause zu machen. Das erinnerte sie daran, dass sie ihren Arbeitstag eigentlich schon beendet haben wollte, und nach der Sache mit Johnson noch Smith auf sie wartete. Meine Güte, dachte sie. Urlaub zu haben ist ja anstrengender als Arbeiten.
  Sie fing wieder an, zu Johnson zu reden, beziehungsweise zum Fenster, denn sie konnte seinen provozierenden Anblick nicht mehr ertragen. Sie mochte vielleicht seinen Kleidungsstil, was sie von seinem Charakter aber nicht sagen
Konnte. „Wo waren wir… ja, du wirst Chef. Eine miese Entscheidung, wenn ich jetzt darüber nachdenke.“ Letzteres sagte sie nur, um ihn zu nerven. Sie wusste, dass niemand besser dafür geeignet war als Johnson, so unwahrscheinlich es auch klingen mochte. Vermutlich war mit ihrem Gehirn etwas nicht in Ordnung. Und mit seinem sowieso nicht. „Der Vertrag ist gestern aufgesetzt worden und tritt in Kraft, sobald ich die Vereinigten Staaten verlassen habe. Also morgen früh um genau acht Uhr, sieh es als deinen normalen Arbeitstagsanfang. Andersherum wird mir meine Macht sofort wieder übergeben, sobald ich die Vereinigten Staaten wieder betrete. Und zwar ohne Murren, sonst drohen dir weitreichende Konsequenzen, denn ich besitze eine Kopie des Vertrags. Bleibe ich länger als die geplanten drei Tage im Ausland, behältst du natürlich so lange deine neuen Pflichten. Das Maximum ist ein Jahr. Danach wird der Vertrag ungültig und du behältst die Macht und hast nicht mehr die Pflicht, sie mir zurückzugeben. Aber ich glaube nicht, dass ich länger als ein Jahr wegbleibe, außer du setzt dort, wo ich bin, einen Auftragskiller auf mich an, um Microsoft für dich zu haben. Und in diesem Falle – dem Falle eines plötzlichen Todes – würde Microsoft sowieso an meine Schwester übergehen. Sie befindet sich im Moment in Deutschland und ist auf eine solche Situation vorbereitet, also versuch keine Mätzchen.“ Sie glaubte sowieso nicht, dass er sie umbringen lassen würde, denn sie vertraute ihm, trotz seines deprimierenden Charakters. Allerdings hatte sie nicht vor, ihm das auf die Nase zu binden.
  Johnson schwieg, Joséphine redete ungerührt weiter. „Wie gesagt, der Vertrag tritt morgen früh um acht Uhr in Kraft. Unterschreibe, und du bist ein reicher Mann.“ Er schnaubte amüsiert, und Joséphine verzog hinter dem Schutz ihrer hohen Rückenlehne das Gesicht. Das hätte sie nicht sagen sollen. Sie wusste, dieses Argument war völlig sinnlos, denn Johnson hatte als stellvertretender Leiter das zweihöchste Gehalt der Firma, und die mickrigen zwei Millionen Euro, die er auf ihrem Posten mehr verdienen würde, juckten ihn nicht das Geringste.
  Joséphine atmete tief ein und drehte den Stuhl wieder herum. Sie blickte nicht zu Johnson herüber, sondern zückte nur ein Formular aus ihrer Aktentasche und schob es über die Schreibplatte auf ihren zukünftigen Ersatzchef zu.
  Johnson stand auf, schnappte sich Joséphines Kuli und unterschrieb mit einer beiläufigen Handbewegung. Er grinste. „Abgemacht. Der Deal steht. Übrigens kommt gleich Susan vorbei und bringt dir die Bewerbungen vorbei – keine zehn Pferde könnten mich dazu bringen, den Dreck für dich zu erledigen.“
  Sie seufzte erst, als die Tür hinter ihm zugefallen war.

*

Am anderen Ende der USA, um genau zu sein in San Francisco, hob ein Mann den Telefonhörer ab und rief bei der amerikanischen Fluggesellschaft an, wo er eine Buchung für einen Flug nach Washington, DC, aufgab, und eine weitere für das Ticket von Washington, DC, nach Hamburg, in Deutschland. Er würde mit einer gewöhnlichen Boeing 707 fliegen, in zweiter Klasse, und damit war er ganz zufrieden.
  Er war noch nie der Typ für großen Luxus gewesen.

*

Joséphine betrat die Lobby ihres Büro-Hochhauses in dem Moment, als Smith gerade seine Hand unter Susans Rock schob und sie so zum Kichern brachte. Bei ihrem Eintreten fuhren die Beiden ertappt zusammen, doch Josephine tat, als hätte sie nichts gesehen. Damit hatte sie nur einen weiteren Grund, Susan zu feuern. Sie lächelte Smith geschäftsmäßig zu, während sie Susan ignorierte, die kurz darauf mit hochrotem Kopf aus der Lobby verschwand.
  Smith, ein unglaublich fülliger Mann mit Hamsterbäckchen und rotem, wuscheligem Haar auf dem hinteren Teil des Kopfes (er war ein waschechter Ire) räusperte sich unangenehm berührt und streckte Joséphine die plumpe Hand entgegen. Sie lächelte und schlug ein. Smith war schon ewig ihr Kumpel, auch wenn sie beide so oft wie möglich taten, als wäre sie reine Geschäftspartner. Sie wussten beide, dass Smith Dreck am Stecken hatte, und dass es nicht gut war, mit ihm gesehen zu werden. Und die Augen der Kameras lauerten überall.
  Doch hier, in Joséphines Wolkenkratzer, gab es nicht ein elektronisches Detail, das sie nicht beherrschte. Dieses Hochhaus war vermutlich sicherer als das Hauptquartier der amerikanischen Geheimpolizei selbst.
  „Smith, alter Freund. Sind sie fertig mit dem Projekt?“, fragte Joséphine. „Ich hoffe doch, es hat keine Schwierigkeiten gegeben?“
  Smith räusperte sich erneut. Es schien ihm noch immer peinlich zu sein, dass die Sekretärin einer Freundin ihn verführt hatte. Sein Doppelkinn schwabbelte.
  Seinen Namen kannte sie nicht. Niemand kannte seinen Namen. Die meisten nannten ihn einfach Smith, aber alle wussten, dass er nicht so hieß. Aber Joséphine wollte ihn auch gar nicht wissen – wie gesagt, es war nicht gut, zu viel über Smith zu wissen und in seine geheimen Aktivitäten verwickelt zu werden. Außerdem akzeptierte sie seine Privatsphäre, auch wenn er als professioneller Hacker die der anderen nicht beachtete.
  „Ja… ja, Frau Princet. Ich habe die Angelegenheit heute Morgen beendet. Was die Schwierigkeiten betrifft, so war das wohl unausweichlich, bei einem so großen Vorhaben, aber das wussten wir ja. Es hat lange gedauert, und war auch nicht gerade unauffällig, aber bis jetzt konnte ich meinen und ihren Namen geheim halten, und es wird auch weiterhin so bleiben. Niemand wird sie damit in Zusammenhand bringen. Hier…“ Er zückte ein Blatt Papier aus seinem grauen Jacket. „…ist die Rechnung. Die Bezahlung für die Jungs und mich, und die Unkosten für den Transport und das Material. Eine ganze schöne Summe.“ Smith zog unauffällig aber wirkungsvoll eine seine buschigen roten Augenbrauen in die Höhe, und Joséphine lächelte sarkastisch, während sie die Rechnung entgegennahm.
  „Machen sie sich keine Sorgen um ihr Geld, sie werden es bekommen. Bevor ich allerdings den Scheck ausstelle, möchte ich gerne das Resultat begutachten. Das verstehen sie doch sicher.“
  Smith, als waschechter Ire, fühlte sich sichtlich in seiner Ehre gekränkt. „Natürlich verstehe ich das. Ich habe saubere Arbeit geleistet und wäre beleidigt, wenn sie mein Wunderwerk nicht genau überprüfen würden. Darf ich fragen, wofür sie das gute Stück eigentlich wollen?“
  Da dies das erste Mal war, dass Smith die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben auch nur annähernd übertrat, beschloss Joséphine, dieses Mal die Wahrheit zu sagen. „Bungee Jumping.“
  Smith zog erneut leicht eine Augenbraue in die Höhe. „Aha. Ebenfalls ein geliebtes Hobby von mir. Zumindest war es das einmal, als ich noch ein wenig… sportlicher war. Aber nur dafür die Golden Gate Bridge von San Francisco nach Washington verfrachten lassen?“
  Joséphine lächelte nachsichtig, als spräche sie mit einem kleinen Kind. „Von keiner Brücke lässt es sich besser Bungee Jumpen als von der Golden Gate Bridge. Außerdem bin ich sehr praktisch veranlagt: In fünfundzwanzig Jahren werde ich die Kosten ausgeglichen haben, die ich ansonsten für Flugtickets und Hotels hätte ausgeben müssen.“
  Smith blieb skeptisch, und er schien sich ein Lachen verkneifen zu müssen.

*

Zuhause in seinem Lehnsessel San Francisco lehnte sich der Mann zurück und schloss die Augen, eine Tasse Kaffe in der Hand. Soeben hatte er fertig gepackt, und ein entspannter Tag lag vor ihm, bevor er früh aus dem Bett musste, um seinen Flug zu erwischen.
  Da klingelte das Telefon. Ohne die Augen zu öffnen streckte der Mann die Hand mit der Tasse aus, stellte sie auf dem Tischchen neben sich ab und griff stattdessen nach dem Telefon. Er öffnete die Augen um zu sehen, wer es war, und überlegte dann, es zu ignorieren. Doch dann entschied er sich dagegen.
  „Hallo?... Hi, Chef, was gibt’s?... Heute? Hm… muss das sein? … ach ja?... na gut, ich muss aber früher Heim heute… okay… ja… ja, ich bin gleich da. Wie lange genau?... das ist schlecht… weil ich morgen früh um zwei Uhr aus dem Bett muss!... ja, mein Flug… bis um acht, okay… ja, ja, bis gleich, Ciao.“ Resigniert legte er auf.
  Das wurde dann wohl nichts mehr aus seinem chilligen Tag.
  Zwei Minuten blieb er noch sitzen, trank seinen Kaffee zu Ende, dann schleppte er sich aus dem Sessel und machte sich auf den Weg.

*

„Fantastisch“, murmelte Joséphine und schirmte ihre Augen mit der Hand gegen die Sonne ab, um ihre Brücke besser sehen zu können. „Gute Arbeit.“ Sie drehte sich zu Smith um, der immer noch heftig schnaufte vom Weg hier herauf, und reichte ihm ihre Hand. Er grinste und schüttelte sie. Dann zückte er wieder den Scheck und einen Kuli, und Joséphine setzte mit einer eingeübt lässigen Handbewegung ihre verschnörkelte Unterschrift auf das Papier. Dabei benutzte sie Smiths Rücken als Unterlage, denn die beiden standen auf dem Dach von Joséphines Bürogebäude. Von hier aus hatte man einen fantastischen Überblick über ganz Washington, vor allem aber über die beiden Flüsse anacostia river und potomac river. Über dem anacostia river, etwa zwei Kilometer Luftlinie von ihnen entfernt, prangte die weltweit bekannte Golden Gate Bridge.
  Es hatte sich bereits ein riesiger Pulk Menschen darum gebildet, bestehend aus neugierigen Anwohnern, Touristen, den Medien und der Polizei.
  Smith schmatzte zufrieden und steckte den Scheck ein. „Das wird morgen in allen Zeitungen sein. Aber die Verantwortlichen werden sie nicht finden, vertrauen sie mir.“
  Joséphine blickte zweifelnd. „Wie konnten sie das überhaupt verbergen? Wird die Brücke in San Francisco überhaupt nicht vermisst? Und wie lange bleibt sie hier in Washington?“
  Smith lachte wie ein Bär, der gerade eine Honigwabe gefunden hatte. Auch sein Körperumfang unterstützte diese Assoziation. „Das zu verbergen war ganz einfach. In San Francisco liegt ein riesiges Tuch über der vermeintlichen Brücke, allerdings befindet sich darunter nur ein einfaches Holzgerüst. Ich habe die Computer des Staates gehackt und angegeben, dass an der Brücke Sanierungsarbeiten laufen. Es kann nicht zurückverfolgt werden, dass ich das war. Sobald die Nachricht in San Francisco ankommt, dass sich die Brücke hier befindet, fliegt der Betrug natürlich auf, aber dann wird es schon zu spät sein. Ich werde mich vor dem Fernseher kringelig lachen! Was ihre letzte Frage angeht, Frau Princet, wie lange die Brücke hier bleiben wird… gegen den mickrigen Zuschlag von zwanzigtausend Dollar könnte ich mich in des Präsidenten Computer hacken und den Befehl geben, die Brücke hier zu lassen. Ich denke, das dürfte kein Problem sein – in San Francisco wird dann eben eine neue Brücke gebaut.“
  Joséphine nickte. Wie war derselben Meinung. Hauptsache, ihre Brücke blieb hier!
  Smith fuhr fort. „Für vierzigtausend Mäuse obendrauf könnte ich sogar einen Agenten ins Weiße Haus schleusen und ein Hostile Takeover durchführen lassen, sodass Sie einen exklusiven Einblick in die Geschäfte des Staates bekommen, und vielleicht sogar in des Präsidenten Privatleben, sofern er den Computer auch für private Dinge benutz. Sind Sie interessiert?“
  Joséphine war allerdings interessiert. Sie wusste als Computerfachfrau sogar, was ein Hostile Takeover war – damit konnte die des Präsidenten Computeraktivitäten sozusagen live miterleben und alle Daten betrachten, die die Festplatte enthielt. Also stellte Joséphine einen neuen Scheck von hunderttausend Dollar aus (ein kleines Trinkgeld von vierzigtausend Dollar für einen guten alten Freund, ein Klacks für Joséphine) und verabschiedete sich von Smith. Er hatte einen neuen Termin, zu dem er nicht zu spät kommen durfte. Es ging um den Eiffelturm und Japan, aber mehr hatte er Joséphine nicht erzählt. Sie vertraute darauf, dass er den Weg nach unten und nach draußen selbst finden würde und betrachtete weiter die Brücke.
  Heute würde sie dort leider nicht mehr Bungee Jumpen können, denn dafür war dort zu viel los, aber sie würde eben morgen früh um sechs ein paar Sprünge machen, sozusagen um ein wenig Adrenalin zu tanken, bevor sie acht Stunden ohne Zwischenlandung im Flugzeug nach Deutschland verbrachte.
  Sie warf einen letzten Blick auf das Gewimmel rund um ihre Brücke und verließ das Dach.
  Sie machte einen Abstecher in ihr Büro, schnappte sich ihre Aktentasche (außer dem heutigen Vertrag hatte eigentlich noch nie ein wichtiges Blatt darin gesteckt – Joséphine besaß diese Tasche eher um der Wirkung Willen) und machte sich dann endlich auf den Weg zu ihrem letzten Termin für heute.
  In den Fluren ihres Bürogebäudes herrschte Stille. Joséphine blickte sich unwohl um. Wo waren ihre Mitarbeiter hin? Probeweise blickte sie in eines der Büros – fast alle Türen standen weit offen – und erkannte, dass es leer war. Ganz offensichtlich hatte es jemand überstürzt verlassen. Davon zeugte ein Haufen Papier, der verstreut auf dem Boden lag.
  Als Joséphine wieder auf den Flur trat, bog gerade Johnson um die Ecke. Sein Irokesenkamm wackelte auf seinem Kopf hin und her, und ein dickes Grinsen lag auf seinen Lippen. „Falls du deine Untergebenen suchst, Chefin, die bewundern gerade alle die neue Brücke. Du hast nicht zufällig was damit zu tun?“
  Joséphine warf ihre Haare zurück. „wie kommst du denn darauf? Außerdem dachte ich eben, die Leute sind abgehauen als sie erfahren haben, dass du der neue Chef wirst.“
  Er grinste breiter. „Tatsächlich, so muss es sein. Jedenfalls, verschwinde endlich. Ich habe übrigens deine Krankenakte gelesen.“
  Er verschwand schon um die nächste Ecke, während Joséphine noch mit offenem Mund dastand. Er hatte ihre Krankenakte gelesen? Aber wie?! Und warum?
  Jedenfalls hatte er ihre Krankenakte gelesen, ist also in ihre Privatsphäre eingedrungen, und gab damit noch an? So ein Arschloch! Und nun wusste er auch, dass ihr ein Burnout drohte!
  „Hmpf“, schnaubte sie und verließ ihr Bürogebäude durch den Haupteingang, wobei sie merkte, dass auch am Empfangstresen niemand stand. Wehe dem, der heute Schicht hat!, dachte Joséphine. Wenn ich wieder da bin, werde ich ihn feuern! Bei ihren Büroarbeitern konnte sie es ja noch verstehen, aber als Portier hatte man eine Menge Verantwortung, vor allem, was die Sicherheit betraf. Im Moment konnte jeder hereinspazieren und tun und lassen was er wollte!
  Plötzlich entschied Joséphine, dass ihr das egal war. Dieses Bürogebäude war nur ein kleines Nebengebäude ihrer Firma, und selbst wenn jemand ihr das ganze Gebäude klauen würde, hätte sie nicht einmal ein Millionenstel ihres Besitzes Verlust gemacht. Es würde weder ihre Ehre noch ihren Besitz ankratzen.
  Also zuckte sie mit den Schultern, stieg in die Metro, deren Station direkt vor der Tür lag, und fuhr zum Shoppen.

*

Der Mann saß schlecht gelaunt hinter seinem Schreibtisch in seinem Büro der Zeitung Wild Cherries. Die Hauptthemen der Zeitschrift waren nicht etwa Wilde Kirschen, sondern Politik und Wirtschaft. Der Großteil der Zeitung war allerdings mit den täglichen News gefüllt, beispielsweise Entführungen in Afghanistan, Vergewaltigungen in Indien, Surfunglücke in Sidney. Zugegeben, tragische Dinge, aber eben doch alltäglich und somit langweilig für einen Journalisten.
  Es war drei Uhr Mittags, und der Mann beendete gerade den Bericht über die Freilassung eins ehemaligen Gymnasiallehrers, der vor zwei Jahren einen seiner ex-Schüler entführt und seine Freundin getötet hatte. Die Sache hatte damals viel Aufsehen erregt.
  Der Mann schickte den Bericht per e-Mail an die Redaktion und griff sich eine neue Nachrichtenmeldung, die in einen Bericht umgewandelt werden musste.
  Er hatte heute noch fünf Stunden zu arbeiten. Zwei seiner Kollegen waren krank geworden, und natürlich musste er beide ersetzen. Er fragte sich, ob er früh genug ins Bett kommen würde, um später um zwei Uhr nachts rechtzeitig wieder aufstehen zu können. Aber notfalls konnte er ja im Flugzeug schlafen.
  Erst jetzt realisierte er die Überschrift der Nachricht, die er in den Händen hielt, eine Eilmeldung von heute Morgen. „GOLDEN GATE BRIDGE STOLEN. APPEARED IN WASHINGTON, DC.“ Erst sah er ein wenig verwundert drein, dann konnte er fünf Minuten lang nicht mehr aufhören zu lachen.

*

„Wo soll’s hin?“, fragte Cat.
  Joséphine deutete auf ihr linkes Handgelenk. „Hier.“
  Sie befand sich gerade im Tattoostudio „Fantasy“ und hatte mit ihrer guten Freundin Kate, von allen Cat genannt, ein Tattoo entworfen.
  Joséphine trug schon einige Tattoos auf ihrem Körper, darunter ein paar kleinere, wie zum Beispiel die drei Sterne hinter ihrem Ohr (das hatte sie sich gewünscht, seit sie vierzehn war; mittlerweile sah sie allerdings ein, dass es klischeehaft war) und eine gelbe Sonne im Ausschnitt. Die Sonne war recht hell, damit man sie nur sah, wenn man wirklich wusste, dass sie da war. Trotz der Schlichtheit (beziehungsweise Nicht-Sichtbarkeit) war sie etwas ganz Besonderes, und Joséphine trug ihre Tattoos schließlich für sich selbst, und nicht für andere.
  Dieses Tattoo war eine Erinnerung an Clara, eine ihrer besten Freundinnen, die sie leider nur selten sah. Clara lebte mit ihrem Ehemann Philipp und ihren beiden Kindern Max und Lena immer noch in Legelshurst, wo sie ein ruhiges Leben führten. Auch sie würde Joséphine besuchen, sobald sie in Deutschland ankam.
  Auch für ihre anderen Freundinnen hatte sie kleine Erinnerungstattoos. Für Meggy hatte sie einen süßen kleinen Teddybären mit roter Schleife, der sich auf ihrem rechten Ringfinger räkelte. Er war wirklich winzig, aber unglaublich detailliert. So etwas brachte nur Cat zustande.
  Für Steffie hatte sie einen Green-Day-Schriftzug um ihren rechten Oberarm, wie ein Tribal. Bei Green Day musste sie immer an Steffie denken, und selbst liebte sie die Band auch. Leider waren die Mitglieder schon alle etwa fünfzig Jahre alt, und zwar musizierten sie noch, allerdings um einiges weniger als noch vor zehn Jahren.
  Für Karo hatte sie ein sehr besonderes Tattoo. Es war eine Krone. Allerdings keine einfache, langweilige Krone, wie man sie sich eben vorstellte, sondern sie wickelte sich wie Steffies Schriftzug um ihren Oberarm – dem Linken. Das Besondere daran aber war die goldene Farbe. Es war teuer, da es eine neumodische Technik war, aber Joséphine hatte es liebend gern gemacht. Nun hatte sie also ein goldenes Tattoo, das in der Sonne edel schimmerte. Das Symbol war übrigens eine Krone, weil Joséphine sich oft an „Prinzessin Karolinas Märchen“ erinnerte, die Steffie in der achten und neunten Klasse über Karo geschrieben und erzählt hatte.
  Hélène war etwas kompliziert gewesen, und Annalena sowieso. Joséphine hatte lange überlegen müssen, bis sie sich schließlich für eine Mini-Frankreichkarte für Hélène (sie befand sich auf der Innenseite ihres rechten Handgelenks) und ein kleines aufgeschlagenes Büchlein für Annalena (auf ihrem linken Ringfinger) entschied. Auf der Karte war mit einem kleinen roten Punkt Hélènes Zuhause markiert, ein Weingut in der Normandie. Annalenas Büchlein war ebenfalls etwas Besonderes: Die Seiten waren auf beiden Seiten so lang, dass sie fast um den ganzen Finger herumreichten. So sah es aus wie ein Ring. Und Joséphine liebte Ringe.
  Das absolut größte all ihrer Tattoos war allerdings ein riesiger Drache auf ihrem Rücken, von dem sie durch das Buch „Verblendung“ von Stieg Larsson inspiriert wurde. Der Kopf des Drachen schaute knapp über ihre linke Schulter und verlief dann leicht nach rechts über ihr Schulterblatt. Dann folgte der elegante Körper, über ihren ganzen Rücken bis knapp über ihre Hüfte, und dann kam der Schwanz, der sich um ihren rechten Oberschenkel ringelte. Es war eine großartige arbeit, denn der Drache war dunkelgrün und unglaublich detailliert, jede einzelne Schuppe ein Unikat, und mit glühend roten Augen, die drohend über ihre Schulter blickten. Sie musste fast einen Monat lang jeden Tag zu Cat gehen, bis das Kunstwerk vollendet war.
  All diese Tattoos hatte Cat ihr auf ihren Körper gezaubert, und Joséphine hatte nie auch nur im Entferntesten darüber nachgedacht, mal einen anderen Tätowierer auszuprobieren. Sie war hoch zufrieden mit ihren Resultaten und liebte jedes einzelne Tattoo, das jedes seine Bedeutung hatte. Die Erinnerungen an ihre Freunde, die alle weit weg waren, und der Drachen als Zeichen der Rebellion, dass Joséphine sich nicht unterwerfen und gehorchen würde wie ein Sklave. Dazu war ihr ihre Freiheit zu wichtig. In diesem Sinne war sie wirklich ein Punk. Und sie mochte es, so zu sein.
  Nun, etwa ein Jahr nach ihrem letzten Besuch bei Cat, war sie wieder da. Diesmal wollte Joséphine ihren Erfolg mit der Golden Gate Bridge feiern. Und sie wollte es als Erinnerung behalten, falls die Brücke wieder nach San Francisco verfrachtet werden sollte.
  Natürlich hatte auch Cat von dem wundersamen Ereignis gehört und fragte sich, warum Joséphine sich die Brücke auf das Handgelenk tätowieren lassen wollte, doch sie fragte nicht. Dies war ein weiterer Grund, warum Joséphine Cat als Tätowiererin mochte: Man konnte die seltsamsten Aufträge abgeben, außer einem fragenden Blick mischte sich Cat nie in die Meinung ihrer Kundschaft ein.
  „Okay, aufs Handgelenk. Gute Wahl. Einfarbig? Ich glaube nicht, dass man hier allzu viele Farben verwenden kann.“
  Joséphine nickte. „Schwarz, ja. Es sieht wunderschön aus.“ Vor ihr lag die wunderschöne, detailfreudige Bleistiftzeichnung von Cat, die die Golden Gate Bridge darstellte. Es sah klasse aus, und auf der Innenseite ihres Handgelenks würde es noch besser aussehen, dessen war Joséphine sich sicher. Niemand konnte so gut zeichnen wie Cat, und schon gar nicht die Zeichnung eins zu eins auf die Haut übertragen. Cat war einfach ein Naturtalent.
  Sie entfernte sich, um die Nadel vorzubereiten, und Joséphine suchte sich währenddessen einen Stapel Zeitschriften aus, in denen sie blättern konnte, während ihr ein Kunstwerk auf die Haut gezaubert wurde. Zwar war Cat eine ihrer besten Freundinnen, und Joséphine hätte sich liebend gerne mit ihr unterhalten, doch während des Stechens herrschte im Studio absolute Ruhe – Cat benötigte diese Ruhe, sonst war sie am Ende selbst nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Und dann wurde sie griesgrämig und Joséphine konnte sie anschließend nicht mehr in ein Café einladen, wie es schon Tradition zwischen ihnen geworden war. Sie erinnerte sich an ein Mal, sie glaubte, es war an einem Tag, an dem ihr Drache gestochen wurde, da kam ein Mann herein. Er war bullig und genau so, wie man sich einen der harten Motor-Gangster vorstellte. Er wollte sich einen Termin geben lassen, obwohl an der Tür „geschlossen“ stand, und als er in den Behandlungsraum geplatzt ist, rastete Cat so aus, dass sie ihm in den Arm biss und das halbe Gesicht zerkratzte. Joséphine hatte nie nachgefragt, aber sie glaubte, dass der Mann nicht wiedergekommen war.
  Also blätterte Joséphine sich durch die neuesten Skandale der Stars und Umweltkatastrophen am anderen Ende der Welt, während Cat ihr mit zwischen die Lippen geklemmter Zunge die Golden Gate Bridge auftätowierte.
  Währenddessen warf Joséphine nicht einen Blick auf ihren linken Arm, sondern las gemütlich die Zeitschrift, als säße sie Zuhause und genieße einen freien Tag. Dies war ihre Methode, um sich später doppelt über ein neues Tattoo zu freuen: Wenn von einem Blick zum nächsten etwas Wundervolles auftaucht, etwas, das für immer blieb. Andere mochten es ja genießen, dabei zuzusehen, wie das Kunstwerk gezaubert wurde, doch Joséphine liebte den Effekt des Überrascht-Werdens.
  Sie las gerade einen Artikel über das letzte Atomkraftwerk der Welt (es befindet sich in Fokushima, wurde damals vor zehn Jahren zerstört, mittlerweile aber wieder aufgebaut und ist das Einzige noch existierende Atomkraftwerk), als Cat den letzten Stich tat, die Nadel beiseite legte und zufrieden in die Hände klatschte. „Fertig!“
  Joséphine schlug die Zeitschrift zu und warf erst dann einen Blick auf ihr gerötetes Handgelenk. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Fantastisch!“, entfuhr es ihr, und Cat strahlte über das Lob.
  Sie versorgte Joséphine mit den nötigen Pflegemitteln für neugestochene Tattoos und sagte dann in entschuldigendem Ton: „Heute kann ich leider nicht mit dir ins Café gehen…“
  Joséphine hob fragend eine Augenbraue, und Cats Wangen röteten sich.
  „Ich hab ein Date. Er heißt Ben, und es könnte durchaus was Ernstes werden.“
  Daraufhin lächelte Joséphine nur. Cat war eine zierliche, kleine Person, mit einer niedlichen Stupsnase. Auch wenn sie ein Tattoostudio leitete, hatte sie keine Tattoos, aber eine Menge Piercings im Gesicht. Diese machten sie aber nicht freakig, sondern passten hervorragend zu ihr und ihrer liebenswürdigen, aufgeweckten Persönlichkeit. Joséphine wusste, wie wählerisch Cat in Sachen Männer war, und sie freute sich, dass sie endlich jemanden gefunden hatte.

*

Um Punkt acht Uhr verließ der Mann die Wild Cherries-Redaktion in San Francisco und machte sich mit dem Auto auf dem Heimweg.  Er wollte einen Abstecher zur Golden Gate Bridge – oder dem Ort, wo sie einst stand und nun ein billiges Holzgerüst die Regierung verhöhnte – machen, doch zu viele Anwohner und Touristen hatten den selben Plan, und so setzte er frühzeitig den Blinker, kaufte sich bim McDrive ein HappyMeal und kam um halb neun in seiner Wohnung an, einer Wohnung von Millionen anderen in der Downtown San Franciscos. Eine schäbige Wohnung. Billig. Klein.
  Aber wie gesagt, er war noch nie der Typ für großen Luxus gewesen.

*

„Hmmmm…“, brummte Joséphine. Sie dachte an nichts. Eine undurchdringliche Schwärze herrschte in ihrem Kopf. Ihre Handrücken spürten den rauen Stoff ihrer Jeans, ihre Zeigefinger berührten den Daumen der jeweiligen Hand. Sonst nahm sie nichts wahr. Nicht die Luft, die sie atmete, nicht den flauschigen Teppich, auf dem sie saß, nicht ihre schmerzenden Beine in der ungewohnten Position.
  Das Klingeln ihres Handys – Avril Lavignes „Girlfriend“ – riss sie aus der entspannten Meditation, und die abgestandene Luft, der plattgedrückte Teppich und das schmerzende Gefühl ihrer malträtierten Beine stürzten auf sie ein.
  Trotz der Schmerzen sprang sie auf, deckte ihre Augen mit der Hand gegen das Sonnenlicht ab, das durch das gigantische Panoramafenster ihres dritten Wohnzimmers fiel, und humpelte zu dem kleinen Couchtisch, auf dem ihr Handy lag (das neueste Produkt der Eigenmarke).
  „Hallo?“, sprach sie hinein. Eine Sekunde herrschte Stille. Dann kam die Antwort. „Philipp? Bist du das? Ich bin’s, John! Ich will meine hundert Euro!“
  Joséphine, die noch nie von John und Philipp und ihrer Hundert-Euro-Wette gehört hatte, dachte, dies sei ein mieser Telefonstreich. „Hören Sie mal, ich habe keine Ahnung, wer sie sind, aber ich bin Joséphine Princet, und wenn Sie mich weiterhin belästigen, kaufe ich die Polizei und lasse sie für lebenslänglich einsperren! Und lebenslänglich bedeutet bei mir auch lebenslänglich!“
  Erneut einige Sekunden Stille. Dann Johns kleinlaute Stimme. „Sorry, Miss. Muss mich verwählt haben. Sie haben nicht zufällig Philipps Handynummer?“
  Als Antwort legte Joséphine auf.
  Sie verdrehte die Augen. Dann absolvierte sie fünf Minuten Dehnübungen und machte sich daran, ihre fünf Koffer zu packen. Die neuen Sachen, die sie vor ihrem Termin bei Cat eingekauft hatte (in den teuersten Läden Washingtons natürlich!) mussten mit. Allesamt warme Sachen, Pullover und lange Hosen. In Deutschland würde es eisig kalt sein, zumindest im Vergleich zu hier.
  Sie packte konzentriert und ohne Pause. Sie befand sich hier in ihrem fünften Schlafzimmer des dritten Stocks, denn hier befand sich ihr Kleiderschrank mit den etwas wärmeren Kleidungsstücken. Zumindest dem ihrer zehn Schränke, dessen Inhalt sie am liebsten mochte.
  Nach zwei Stunden, um zehn Uhr abends, war sie endlich fertig. Fünf riesige Koffer standen vor ihr, und dabei hatte sie auch wirklich nur das Wichtigste eingepackt. Die Kosten für das schwere zusätzliche Gepäck waren kein Problem – nichts, was mit Geld zu tun hatte, war ein Problem für Joséphine Princet. Was das Tragen anging – sie würde sich morgen früh eben einen Butler bestellen, der das Gepäck trug, und eine Limousine, die sie zum Flughafen brachte. Alles kein Problem.
  Sie schleppte die Koffer in ihre gigantische, chillig eingerichtete Eingangshalle, tanzte ein wenig mit ihrem Lieblingspokal Robert, trank ein Glas Milch und ließ sich dann erschöpft in ihr Bett fallen, das sich im zweiten Schlafzimmer des fünften Stocks befand.
  Morgen früh würde sie ein wenig illegal Bungee Jumpen, und dann ging’s auf nach Deutschland, zu ihrer Familie, in einem gemütlichen Sitz in der ersten Klasse.

*

Piep, piep, piep.
  „Hmmgrn…“
  Piep, piep, piep.
  „Gmnrz…“
  Piep, pie – klack. Dem Mann schlug auf seinen Wecker, und er hörte sofort auf zu piepsen. Warum hatte er gestern noch arbeiten müssen! Er sollte sich langsam angewöhnen, etwas unnachgiebiger gegenüber seinem Chef zu werden.
  Der Wecker zeigte zwei Uhr morgens. Er hatte nur noch eine Stunde, bis das Terminal schloss und er sich innerhalb des Warteraumes befinden musste.
  Im Dunkeln stand er auf, torkelte ins Bad und hob seinen Kopf unter eiskaltes Wasser, was ihn klarer denken ließ. Dann ging er zurück in sein dunkles Schlafzimmer, zog sich ungeschickt an und betrat die kleine Küche. Er machte sich Kaffee, verschüttete die Hälfte über sein frisch gewaschenes Hemd, merkte beim Umziehen, dass er seinen Koffer noch nicht gepackt hatte, und verfluchte seine Nachlässigkeit.
  Als er seinen Koffer fertig hatte, klingelte es schon an der Haustür (das musste das bestellte Taxi sein) und er schlüpfte in seine Schuhe, schnappte sich eine Jacke von der Garderobe und verließ das Haus, als der Taxifahrer gerade wieder wegfahren wollte. Er bat ihn, noch fünf Minuten zu warten, denn er hatte seinen Koffer oben vergessen, merkte vor der Tür, dass er seinen Schlüssel ebenfalls dort vergessen hatte und nutzte den Ersatzschlüssel unter der Fußmatte. Als er endlich im Taxi saß und sich zurücklehnte, registrierte er, dass er sowohl zwei unterschiedliche Socken als auch Schuhe anhatte.
  Er seufzte resigniert und dachte, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn sie jetzt in einen Stau gerieten und er sein Flugzeug nach Washington verpassen würde.
  Das konnte ja mal ein Tag werden.

*

Entspannt und ausgeruht erwachte Joséphine am nächsten Morgen. Es ging ihr prächtig, und sie genoss ein großes Frühstück, bevor sie gemütliche Klamotten anzog und sich zum anacostia river aufmachte. Als sie dort ankam, herrschte schon dichtes Gedränge. Menschen aus ganz Amerika waren gekommen, um das Wunder zu begutachten. Denn genau das war es: Die Sache war als „Das Brückenwunder“ in die Geschichte eingegangen.
  Joséphine drängte sich mit den Ellbogen durch die Menge (wobei sie einiges zurückbekam) und stand schließlich in der ersten Reihe, vor dem Absperrband, das die Polizei aufgestellt hatte. Anscheinend hatte Smith den Befehl, die Brücke an Ort und Stelle zu lassen, noch nicht gegeben, denn die Polizisten standen mit den Händen in den Hosentaschen herum und schienen nicht zu wissen, was sie tun sollten.
  Joséphine suchte sich einen Polizeibeamten aus, der wie eine Autoritätsperson aussah und schlenderte lässig zu ihm hinüber. Er registrierte sie erst, als sie direkt vor ihm stand und hob dann abwehrend die Hände. „Kein Zutritt, tut mir Leid, Miss.“
  Doch Joséphine lächelte nur und schob ihm unauffällig ein Bündel Geldscheine entgegen. Seine Augen wurden groß, als er es sah, und er blickte sich um wie ein gejagtes Kaninchen. Dann winkte er einem jüngeren, recht gutaussehenden Polizisten und bedeutete ihm, herzukommen.
  „Taylor, begleiten Sie die Dame bitte auf die Brücke und lassen Sie sie dort tun, was immer sie tun möchte. Sie hat… äh... die Erlaubnis des Präsidenten. Ja, die hat sie, völlig richtig.“ Er war rot geworden, und Joséphine blinzelte ihm spaßhaft zu, bevor sie Taylor folgte.
  Er blickte sich nach ihr um, sobald sie die anderen Polizisten hinter sich gelassen hatten und relativ alleine auf der Brücke standen. „Die Erlaubnis des Präsidenten also, ja?“, fragte er hochnäsig. Man sah ihm an, dass er es nicht glaubte. „Sie sind also im Auftrag der Regierung hier?“ Ein abfälliger Blick auf ihre einfache Freizeitkleidung. „Was hat den die Regierung so Wichtiges zu tun, dass sie ein so hohes Tier wie Sie schickt?“
  Joséphine war der Mann sofort unsympathisch. Dementsprechend schnippisch fiel auch ihre Antwort aus. „Halten Sie die Klappe, Lieutenant. Glauben Sie wirklich, die Regierung weiht Sie in ihre Pläne ein? Das hätten Sie wohl gerne. Und jetzt…“ Sie waren in der Mitte der Brücke angekommen. „…verschwinden Sie und erledigen weiter ihre Arbeit.“
  Taylor starrte sie noch eine Weile wütend an, dann zuckte er gleichgültig die Schultern und schlenderte davon.
  Joséphine ließ den Rucksack (ein spottbilliges Teil im Wert von zweitausend Dollar; für jemanden wie Joséphine waren billige Dinge allerdings verflixt schwer zu finden) von ihrer Schulter gleiten und blickte sich noch einmal um. Kein Taylor. Was soll’s. Notfalls würde sie ihm ebenfalls ein paar Tausender zuschieben.

*

„Aufwachen, Sir. Das Flugzeug landet gleich.“ Der Mann lächelte die Stewardess – auf ihrem Schild stand der Name Theadora C. – verschlafen zu und schnallte sich an. Er erinnerte sich nur ungern an den frühen Morgen und die Fahrt zum Flughafen. Mitten auf dem Highway – sie hatten freie Fahrt – war dem Taxifahrer plötzlich aufgefallen, dass er eigentlich einen Takko vertragen könnte. Er bog also ab, kaufte sich einen Takko, schwätzte noch fünf Minuten mit dem Verkäufer und fädelte sich dann in den plötzlich verdammt dichten Verkehr ein. Als das Taxi am Flughafen ankam, fiel dem Mann auf, dass sein Geldbeutel im Koffer war und das Terminal gleich schließen würde. Also hatte er sich einfach seinen Koffer geschnappt, war davongerannt, hatte den schreienden Taxifahrer ignoriert und hatte in letzter Sekunde seinen Koffer abgegeben und sich zur Kontrolle begeben, bevor sie geschlossen wurde.
  Das war um drei Uhr morgens gewesen. Nun war es sieben Uhr morgens, und er hatte erbärmlich wenig Schlaf bekommen. Außerdem musste er schon in einer Stunde im nächsten Flugzeug nach Hamburg sitzen, und wie er sein phänomenales Glück kannte, würde er das Flugzeug entweder verpassen, oder es würde als Rache dafür, dass er rechtzeitig gekommen war, einfach abstürzen.
  Als das Flugzeug gelandet war und er in der Halle des großen Flughafens stand, überlegte er: Sollte er gleich durch die Kontrolle gehen und die restliche Zeit warten, oder sollte er das Schicksal herausfordern und sich erst in ein Café setzen, bis sein Flug aufgerufen wurde?
  Er entschied sich für letzteres, gab seinen Koffer ab und betrat ein Café, das sich im obersten Stock eines Wolkenkratzers befand, der zum Flughafengelände gehörte. Von dort aus konnte man ganz Washington überblicken. Er sah das Weiße Haus (oder das, von dem er glaubte, dass es das war), das Monument – und die Golden Gate Bridge! Es war also tatsächlich wahr…
  In dem Moment, als er sich mit einem extrastarken Espresso an einen Fensterplatz setzte, sah er etwas Erschreckendes: Da sprang eine Person von der Brücke!

*

Erfrischt und voller Adrenalin kehrte Joséphine in ihre Villa zurück und orderte die schon erwähnte Limousine inklusive Butler. Sie zog sich um, behielt aber ihren Freizeit-Look: Eine gemütliche, nicht zu kurze, khakifarbene Shorts und ein lässiges weißes Top, darunter einen schwarzen BH. An den Füßen trug sie gemütliche Birkenstock-Sandalen (die Firma hatte nun schon ganz Amerika überrollt und war beliebt wie keine andere). Da es in Deutschland kälter sein würde packte sie in ihr Handgepäck (einen modernen Rucksack, sehr praktisch und geräumig, aber gleichzeitig auch sehr schick) eine lange Jeans und einen Pullover, außerdem Sportschuhe, um sich im Flugzeug umziehen zu können. Dazu noch Zahnbürste, Zahnpasta, eine Bürste, alles was man zum Frischmachen im Flugzeug eben brauchen konnte, und los ging’s!
  Die Limousine wartete schon in der Auffahrt, als Joséphine ihre Villa verließ. Die Auffahrt befand sich vor dem Haus, war mit Kies ausgelegt und bildete einen Kreis um einen hübschen kleinen Springbrunnen, damit die Autos wenden konnten.
  Sie begleitete den Butler, einen unauffälligen Mann, in die Eingangshalle und beobachtete, wie er nach und nach ihre Koffer in das Auto packte. Schließlich stiegen sie ein und fuhren los. Es war halb acht Uhr morgens.
  Als sie am Flughafen ankamen, kontrollierte Joséphine wieder, wie der Butler alle Gepäckstücke abgab und entließ ihn dann. Sie gab ihm ein kleines Trinkgeld von dreitausend Dollar.
  Auf dem Weg in ein kleines Café bemerkte sie ein Handgemenge. Sie erkannte den älteren Polizisten von vorhin wieder, der mit einem jüngeren, etwas verschlafenen, aber unglaublich gutaussehenden Mann stritt. Als sie unauffällig näher kam, hörte sie, was der junge Mann sprach.
  „…mir glauben! Ich schwöre es! Da ist jemand von der Brücke gesprungen, nicht einmal vor einer halben Stunde! Nein! Lassen Sie mich los, verdammt noch mal!“
  Der Polizist wehrte den Mann ungeduldig ab und widersprach allen Behauptungen. Joséphine lächelte und beobachtete, wie der Polizist den Mann kurzerhand zur Kontrolle begleitete und dort einen anderen Polizisten damit beauftragte, ihn bis zum Flugzeug zu begleiten und ihn dort auf keinen Fall wieder herauszulassen.
  Sie kaufte sich in einem kleinen Zeitschriftenladen ein Heft über alle Flugzeugunglücke des letzten Jahrhunderts und wartete dann, bis die Schlange der Kontrolle nicht mehr zuzunehmen schien. Dann stellte sie sich an, darauf achtend, für einige Zeit die Letzte zu sein. Als sie schließlich dran war und der Detektor warnend piepste, als Joséphines Handgepäck durchleuchtet wurde, war sie nicht überrascht. Die beiden Wachmänner warfen sich einen Blick zu, dann bedeutete der eine Joséphine, einen Schritt zur Seite zu gehen, und der andere öffnete ihren Rucksack. Er fand sofort, was den Detektor zum Piepsen gebracht hatte, denn Joséphine hatte es ganz obendrauf gelegt: Eine Tüte mit Pilzen.
  Vor ein paar Jahren wurde dieser Detektor erfunden. Er spürt nicht nur Metallgegenstände, sondern mithilfe neuester Technologie sogar Drogen auf. So werden die Kosten für die Ausbildung und Lebenserhaltung der Drogenhunde gespart.
  Der Wächter hob die kleine Tüte in die Höhe, blickte Joséphine an und zog eine Augenbraue in die Höhe.
  „Ein Geschenk für eine Freundin.“ Joséphine lächelte.
  Der Wachmann grinste spöttisch. „Aber sicher doch, Miss. Sie haben nicht zufällig eine Erlaubnis dafür?“
  Joséphine griff in ihre Hosentasche. „Sie werden lachen, die habe ich sogar.“ Sie zog zwei dicke Geldbündel heraus und reichte sie den beiden. „Also, noch mal von vorne. Hallo, Officers. Gibt es ein Problem mit meinem Handgepäck?“
  Die beiden tauschten einen Blick. Dann sagte einer: „Nicht im Geringsten, Miss. Wenn ich Sie nun bitten dürfte, weiterzugehen…“

*

Der Mann saß auf seinem Fensterplatz und schmollte. Neben ihm saß ein wohlbeleibter Herr, der ihn nicht aufstehen lassen wollte. „Ich bin ein ehrbarer Bürger“, hatte der vorhin nur gesagt. „Der nette Polizist vorhin hat mich gebeten, Sie nicht rauszulassen, also werde ich das auch nicht tun.“
  Der Mann selbst war natürlich auch ein ehrbarer Bürger. Und genau aus diesem Grund wollte er ja mit dem Polizisten reden. Da trieb vielleicht gerade eine Wasserleiche im anacostia river, und möglicherweise war sie auch gar nicht tot und konnte noch wiederbelebt werden!
  Wäre er, als er Joséphine hatte springen sehen, nicht sofort aufgesprungen und aus dem Café gestürmt, hätte er noch mitbekommen, dass die „Wasserleiche“ an einem Seil hing, und sie an diesem Seil wieder heil oben ankam. Aber er war nun mal sofort panisch aufgesprungen, und so hatte er es nicht mitbekommen.
  Er schüttelte genervt den Kopf und redete sich ein, dass der Polizist wusste, was er tat.

*

Joséphine trat durch den Mittelgang des gefüllten Flugzeugs, wobei sie niemandem ins Gesicht sah, allerdings alle Blicke auf sich spürte. Sie wusste, trotz der normalsterblichen Kleidung, die sie trug, war sie eine beeindruckende Persönlichkeit. Vor allem mit dem geheimnisvollen Kunstwerk, das man durch das weiße Oberteil nur andeutungsweise erkennen konnte.
  Während sie da also wie eine Königin durch die Gangway schritt, fiel ihr nur eine Person auf: Es war der unglaublich gutaussehende Mann von vorhin. Er war der Einzige, der nicht sie anblickte, sondern frustriert aus dem Fenster starrte.
  Dann kam sie am Ende des Ganges an: Der Tür, die zur ersten Klasse führte. Natürlich flog sie erster Klasse. Es entsprach erstens ihrem Niveau in der Gesellschaft und zweitens ihren Erwartungen, was den Komfort betraf. Außerdem war es wunderbar still, denn die meisten Passagiere hier waren grimmige Geschäftsleute, die keinen Ton von sich gaben und alle fünf Minuten gleichzeitig auf ihr Handy und ihren Laptop schauten.
  Heute allerdings war die erste Klasse überraschend leer. Nur eine Person war da, sie saß auf dem allerersten Sitz links vom Eingang. Viel von ihr sah man nicht, denn sie hob eine aufgeschlagene Zeitung vor ihr Gesicht, als Joséphine eintrat, und an den Fingern trug sie schwarze Lederhandschuhe. Über den Rand der Zeitung erkannte Joséphine einen lässigen Hut, und sie vermutete, dass es sich um einen Mann handelte.
  Als sie an ihm vorbeiging, senkte sich der Hut, und die Zeitung wurde noch ein Stückchen höher gehoben und so gedreht, dass Joséphine die Person noch immer nicht sehen konnte. Was war denn das für ein seltsames Verhalten? Wieso wollte die Person nicht erkannt werden? War es vielleicht ein gesuchter Verbrecher?
  Joséphine zuckte in Gedanken nur die Schultern und begab sich an ihren Platz, in der vordersten Reihe, ganz links am Fenster.

*

Der Mann erwachte und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Sie waren nun schon seit etwa drei Stunden in der Luft, und aus den Fenstern war nichts als endloses Blau zu sehen – blau der Himmel, und blau der Atlantik.
  Gerade wollte er die Augen schließen und weiterschlafen, da sah er aus den Augenwinkeln einen rötlichen Lichtschein.

*

Joséphines Blick lag gedankenverloren auf dem Hut der unbekannten Person weit hinter ihr. Die Zeitung war noch immer erhoben, der Kopf hatte sich um keinen Zentimeter bewegt. Sie fragte sich allmählich, ob nicht zufällig ein Roboter dort vorne saß – warum auch immer.
  Sie trommelte auf ihrem Rucksack herum, der auf ihrem Schoß lag, und trank einen Schluck ihrer Cola. Sie liebte Softdrinks über alles, seit der Besitzer von Apple, ihrem damals erbittertesten Rivalen, an einem Schluck Fanta erstickte und die Firma einem so unfähigen Sohn vererbte, dass Apple schon nach drei Monaten elendig zugrunde ging und Microsoft somit zur Königin der Elektroindustrie erhob.
  Joséphine schrak aus den Gedanken ihrer Karriere auf, als der Hut sich bewegte – das erste Mal seit drei Stunden. Sekunden danach senkte sich die Zeitung. Der Kopf drehte sich zu ihr herum, und Joséphine sah das Gesicht eines Mannes. Ein langer, grauer Vollbart, ein fülliger grauer Schnauzbart und etwa schulterlanges, graues Haar, das unter dem braunen Hut hervorquoll. Die Nase war dünn und elegant, die Haut war recht glatt, etwas zu jugendlich, um zu der ansonsten alten Erscheinung des Mannes zu passen. Die Augen bedeckte eine teuer aussehende, schwarze Sonnenbrille. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover, dessen Ärmel bis zu den Handgelenken reichten, und an den Händen die erwähnten Handschuhe.
  „Sehen Sie aus dem Fenster“, sagte er zu ihr. Er hatte eine samtige, überaus angenehme Stimme.
  Joséphine sah folgsam aus dem Fenster. Was sie dort sah, erschreckte sie mehr als sonst irgendetwas in ihrem Leben: Aus dem Motor unter dem Flügel quoll Rauch!
  Erschrocken blickte sie den alten Mann an, unfähig, etwas zu sagen. Er erhob sich ruhig. „Ich kenne Situationen wie diese, glauben Sie mir, Madam. Ich sage ihnen, was jetzt passieren wird. Ich habe nämlich den Piloten gesehen – ein junger Frischling, völlig unerfahren. Vermutlich weiß er nicht einmal genau, wie man richtig landet, sondern überlässt es dem Schicksal. Da das Flugzeug nicht landen kann, bevor der brennende Motor aussetzt, wird der Pilot einfach weiterfliegen. Ein Flugzeug kann ohne Probleme auch mit einem Flügel fliegen, was definitiv ziemlich ungemütlich für uns Passagiere wäre, aber wir würden es überleben. Nein, was mich wirklich beunruhigt, ist etwas völlig anderes.“ Joséphine glaubte, den stechenden Blick des alten Mannes trotz der Sonnenbrille zu spüren. „Beim Anblick der beiden Piloten sah ich sofort, dass sie nicht das Geringste vom Fliegen verstehen. Ich würde nicht darauf vertrauen, heil am Flughafen anzukommen. Es ist eine Schande, diese sogenannten Piloten einzusetzen. Die Verantwortlichen gehören hinter Gitter. Aber was ich eigentlich vermute, das die beiden tun werden: Ich glaube, die Trottel werden eine Bruchlandung auf dem Wasser wagen. Sollten die Passagiere das überleben, wird ihnen bald geholfen. Darauf lasse ich es aber lieber nicht ankommen, denn man kann nie wissen, was passieren wird! Mein Gefühl vertraut diesen Piloten nicht, aber ich vertraue meinem Gefühl.“
  Er nickte nachdrücklich, doch Joséphine verstand immer noch nicht, was er von ihr wollte. „Was haben Sie vor?“, fragte sie deshalb.
  Der alte Mann zog die Auenbrauen in die Höhe. „Ich werde natürlich aus dem sinkenden Schiff fliehen. Flugzeug meine ich. Jedenfalls, ich biete Ihnen an, mitzukommen, wenn Sie nicht sterben wollen.“
  Joséphine, die panisch zwischen dem rötlichen Schein vor dem Fenster und dem alten Mann hin und herschaute, nickte schnell. Nichts wie raus aus dieser todgeweihten Maschine! Sie fragte jedoch ängstlich: „Wird denn nicht sofort per Funk Hilf geholt?“
  Der Mann nickte. „Sofern die Funkverbindung nicht manipuliert ist, ist dies zweifelsohne schon geschehen. Allerdings wird die Hilfe nicht ankommen, bevor die Piloten etwas unternommen haben. Deshalb ziehe ich es vor, zu entkommen bevor man meine Leiche aus dem Wasser zieht. Stimmen Sie mir nicht zu?“
  Joséphine nickte schnell. „Ich bin noch zu jung zum Sterben! Was können wir tun? Man kann sich unmöglich aus einem abstürzenden Flugzeug retten!“
  Der Mann nickte wieder. „Völlig richtig.“ Seine hinter der Sonnenbrille versteckten Augen schienen sie grübelnd zu mustern. „Aus einem abstürzenden Flugzeug nicht – aber bevor es abstürzt. Leider kann ich kein Flugzeug steuern, sonst hätte ich die beiden Idioten vorne im Cockpit schon längst über Bord geworfen und hätte die Passagiere mehr oder weniger sicher nach Mannheim gebracht. Bleiben Sie genau dort stehen!“
  Er ging zur Tür der Küche, die an die erste Klasse angrenzte, und klopfte dagegen. Entgegen seines Befehls, zu warten, ging Joséphine mit. Sie konnte es nicht glauben, sich in einem Flugzeug zu befinden, dessen linker Flügel jederzeit aussetzen konnte. Sie fragte sich, was der alte Mann vorhatte.
  Die Tür öffnete sich, und eine dicke, rotwangige Köchin erschien. Sie war ruhig, entweder sie machte sich keine Sorgen, oder sie wusste noch von nichts. „Bitte?“
  Der Mann fuhr sich mit der Hand über den lange grauen Bart. Sein Körper sah jugendlich und durchtrainiert aus, und Joséphine dachte daran, dass sie keine alten Leute kannte, die im hohen Alter noch so kräftig aussahen wie dieser Mann hier.
  Jetzt lächelte er die Köchin an. „Guten Tag. Ob Sie nicht zufällig zwei Fallschirme hätten? Ich möchte meiner Tochter…“ Er deutete dezent mit dem Daumen über seine Schulter auf Joséphine. „…zeigen, wie er funktioniert. Ich verspreche auch, sie unversehrt wieder zurückzubringen. Also die Fallschirme meine ich, denn meine Tochter geht ja nicht weg.“ Er lachte.
  Die Köchin blickte sie schräg an, besonders die Sonnenbrille des alten Mannes, doch dann ging sie, um den Wunsch zu erfüllen. Schließlich handelte es sich um Erste-Klasse-Passagiere. Denen konnte man ja keinen Wunsch abschlagen.
  Der Mann drehte sich zu Joséphine um. „Was ich vergessen habe zu sagen: Natürlich besteht keine Versicherung, dass das Feuer aufhört zu brennen, und vermutlich frisst es sich bis zum Benzintakt vor. Und zu diesem Zeitpunkt möchte ich weit, weit weg von hier sein.“

*

„Meine Damen und Herren, sicher sehen Sie rechts von Ihnen die brennende Turbine. Bitte bewahren Sie Ruhe und geraten nicht in Panik, denn es handelt sich lediglich um einen Test, und es gibt keinen Grund zur Besorgnis. Es besteht die Möglichkeit, dass der Motor aussetzt und das Flugzeug kippt, weshalb wir Sie bitten, Ihre Sicherheitsgurte anzulegen und lose Gegenstände zu verstauen. Auch empfehlen wir, Flüssigkeiten auszutrinken und Flaschen zu schließen. Ich wiederhole: Dies ist nur ein Test und es besteht keinerlei Grund zur Besorgnis. Wir wünschen Ihnen weiterhin einen guten Flug.“
  Die Nachricht wiederholte sich, einmal auf französisch, dann auf deutsch und anschließend sogar auf japanisch. Die Passagiere befolgten die Anweisungen widerspruchs- und sorglos.
  Alle außer einem.
  Der Mann stand auf, quetschte sich an seinem fetten Sitznachbarn vorbei, bevor der überhaupt reagieren konnte, und erreichte die Gangway. Er schlug den Weg zur ersten Klasse ein, als eine Stewardess – sie war hübsch und hatte niedliche Grübchen; auf ihrem Schild stand Pialina L.  – auf ihn zugeeilt kam. Ein Wortwechsel entstand, wobei der Mann immer wieder an der Stewardess vorbeischaute.
  „Setzen Sie sich bitte auf Ihren Platz und schnallen Sie sich an!“
  „Sie sind auch nicht angeschnallt…“
  „Ich bitte Sie, Sir!“
  „Ich muss aufs Klo…“
  „Das befindet sich in der anderen Richtung. Aber ich bitte sie abermals…“
  „Dann muss ich zur Küche. Ich muss mich beklagen. Wirklich. Das Steak war scheiße.“
  „Sir, Sie können doch nicht einfach…“
  „Doch, kann ich.“ Er schob sie einfach zur Seite und quetschte sich an ihr vorbei.

*

„Jetzt müssen wir schnell sein“, meinte der alte Mann, als die Warnung – beziehungsweise der „Hinweis“ auf den laufenden „Test“ – erklang. Er schnallte sich einen blauen Fallschirm auf den Rücken und seinen Rucksack auf den Bauch. Es sah komisch aus, doch Joséphine war viel zu panisch, um sich darüber Gedanken zu machen. Sie tat dasselbe. Ihr Fallschirm war rot.
  Neben ihnen auf dem Boden lag ein weiterer Fallschirm, den ihnen die Köchin zu „Vorführzwecken“ zur Verfügung gestellt hatte. Er war grün und wurde nicht mehr beachtet, denn der alte Mann und Joséphine hatten Besseres im Kopf: Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis das Flugzeug kippte und die Piloten etwas taten, um die Passagiere zu retten, das sie alle umbringen würde.
  In diesem Sinne war sich der alte Mann ziemlich sicher. Fast schien er schon zu wissen, was passieren würde.
  Oder aber er hatte einfach eine verdammt gute Menschenkenntnis.
  Der alte Mann fuhr sich nachdenklich über den Bart und blickte aus einem der mickrigen Fenster. „Die Piloten sind schon bei der Landung. Also wagen Sie doch die Bruchlandung. Das wird nicht gut gehen. Sehen Sie, wir sind nur noch knapp fünfzig Kilometer über dem Meeresspiegel. Wir müssen früh genug springen, um weit genug vom Aufschlagspunkt des Flugzeuges weg zu sein und spät genug, um nicht zur erfrieren. Je höher man ist, desto kälter ist es ja bekanntlich. Ich habe aber keine Ahnung, ob es in fünfzig Kilometern Höhe noch kalt ist. Damit kenne ich mich nicht aus. Sie etwa?“
  Joséphine schüttelte den Kopf. Sie zitterte jetzt schon – allerdings nicht aus Kälte, sondern aus Angst.
  Was mochte sie erwarten?
  „Kommen Sie!“ Der alte Mann stürmte zur Tür, die zur zweiten Klasse und somit zum vorderen Ausgang führte, und stieß sie auf. Im selben Moment stolperte der unglaublich gutaussehende Mann von vorhin durch die Tür, hinter ihm her eine junge Stewardess, die ihn offensichtlich aufzuhalten versuchte. Der alte Mann lachte – ja, tatsächlich! Wie konnte man in einer solchen Situation nur lachen? – und zog Joséphine weiter an den beiden vorbei und zur Gangway der zweiten Klasse. Die Neigung des Flugzeugs hinderte am Laufen.
  Plötzlich überkamen Joséphine Schuldgefühle. Wie eine Lawine stürzten sie auf sie ein.
  Woher hatte sie das Recht, zu fliehen?
  Wieso sie, und nicht jemand anders von diesen unschuldigen Menschen hier?
  Es war so still, als Joséphine mit dem alten Mann zum Ausgang lief. Sie wagte es nicht, zur Seite zu schauen. Sie war sich sicher, lauter neugierige und aufgeregte Gesichter zu sehen, von Menschen, die keine Ahnung hatten, dass sie in weniger als fünf Minuten sterben würden.
  Ja, woher hatte Joséphine das Recht, ihnen allen das Überleben zu verweigern, indem sie einfach selbst sprang?
  Schon standen sie vor der Tür, und der alte Mann fummelte daran herum. Sicherlich musste er die Sicherheitsvorkehrungen manipulieren, damit sich die Tür überhaupt öffnen ließ. Sie hatten nur noch Sekunden!
  Joséphine wusste, sie musste sich entscheiden. Entweder sie stülpte einer armen Frau und ihrem Kind den Fallschirm über und warf sie aus dem Flugzeug, oder sie konnte sowieso niemanden mehr retten und musste selbst springen.
  Die Tür flog nach außen auf und wurde vom Wind weggerissen wie ein Stück Pappe. Es knallte. Der alte Mann klammerte sich irgendwo fest, und auch Joséphine spürte den Sog. Er zog an ihren Kleider, wehte ihr ihre Harre ins Gesicht, dass sie nichts mehr sehen konnte. Joséphine glaubte, das Rauschen sei das lauteste Geräusch, das sie jemals gehört hatte.
  Plötzlich fing ein Kind an zu weinen, und es brach Joséphine das Herz.
  Sie wollte sich umdrehen und es mitnehmen, es retten, doch da packte sie eine Hand am Kragen. Es war der alte Mann, der sich irgendwie zu ihr durchgekämpft hatte, ohne aus dem Flugzeug gezerrt zu werden. Er starrte sie entschlossen an, dann packte er fester zu und schleuderte sie Richtung Tür.

*

Der Mann hatte währenddessen den am Boden liegenden Fallschirm entdeckt und sofort den Plan der hübschen Frau und ihres Begleiters ausgemacht: Sie wollten springen. Außer ihm waren sie wohl die Einzigen, die den Ernst der Lage begriffen.
  Der Mann schnallte sich den Fallschirm schnell auf den Rücken, während er versuchte, das Gleichgewicht zu halten, und Pialina L. alle zehn Sekunden zur Seite zu schieben.
  Er hörte einen lauten Knall. Er rannte zur Tür und fand sich in einem Chaos wieder: Die Menschen auf ihren Plätzen waren panisch; sie fragten sich, was los war und wieso diese Menschen aus dem Flugzeug sprangen. Ein Kind weinte.
  Die hübsche Frau klammerte sich in der Nähe der Tür an der Wand fest. Sie hatte einen verzweifelten Gesichtsausdruck, als würde sie sich über etwas nicht entscheiden können. Wie konnte man in einer solchen Situation noch etwas entscheiden wollen? Spring doch, verdammt noch mal!
  Er beobachtete, wie der alte Mann sich zu ihr durchkämpfte, ihr fest in die Augen sah, sie zur Tür schleuderte und dann selbst hinterherlief. Im selben Moment sprangen in der vordersten Reihe eine asiatische Frau mit einem Kind auf dem Rücken und ein asiatischer Mann auf. Die Frau warf sich im letzten Moment auf den Rücken der hübschen Frau. Sofort waren sie verschwunden. Der Mann tat dasselbe beim alten Mann.
  Er selbst gönnte sich die Zeit, ungläubig den Kopf zu schütteln, dann zog er Pialina L. zu sich heran, drückte ihr einen fetten Kuss auf den Mund, und nahm Anlauf, um den Verrückten hinterherzuspringen.

*

Joséphine befand sich schon fast draußen, als etwas mit der Wucht einer Abrissbirne gegen sie knallte. Sie wurde nach draußen geschmissen, das Flugzeug schoss an ihr vorbei, und wie durch ein Wunder blieb sie völlig unverletzt.
  Sie breitete die Arme aus und wurde eins mit dem Wind, wie sie es beim Jumpen gelernt hatte. Nur hier war es extrem viel schwieriger, da ihr noch immer ein Gewicht auf dem Rücken hing. Joséphine war sich sicher, dass es eine Person war – harte Fingernägel bohrten sich so sehr in ihre Schultern, dass sie zu bluten glaubte. Trotz der Panik – wie sollte sie den Fallschirm auspacken, wenn ihr eine Person auf dem Rücken hing??? – machte sie sich Sorgen, dass ihr Drache verletzt werden könnte.
  Hmpf.
  Das Problem wurde gelöst. Der Mensch auf ihrem Rücken begann, nach vorne zu klettern, um den Fallschirm frei zu machen. Die Aktion brachte Joséphine aus ihrem Schwebe-Gleichgewicht, und ein paar Sekunden lang wirbelten sie unkontrolliert durch die Luft. Dann war es vorbei, Joséphine breitete wieder die Arme aus und schloss gegen den Wind wieder die Augen. Sollte sie wider jeden Erwartens doch überleben, würde sie ja später sehen, wer sich da an ihr festklammerte.
  Ihre Gedanken wurden durch einen harten Ruck unterbrochen, der ihr Gehirn gegen ihre Schädeldecke zu schleudern schien: Die Person hatte an ihren Rücken gegriffen und den Fallschirm geöffnet. Sehr schlau.
  Und eine sehr gute Idee. Der Fall bremste sofort ab, der Luftzug ließ nach, Joséphine öffnete die Augen. Es war knapp gewesen – sie befanden sich gerade mal zweihundert Meter über dem Meeresspiegel!
  Erst dann wanderte Joséphines Blick zu dem Gesicht der Frau, das keine drei Zentimeter von ihrem eigenen Gesicht entfernt hing und sie anstarrte. Sie war eine Asiatin, und ihr Gesicht war entschlossen und unerschrocken. Und auf ihrem Rücken hing doch tatsächlich ein etwa 8-jähriger Junge und schaute sie aus großen, feuchten Augen an!
  Joséphine wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte – etwa „Hallo, wie geht es ihnen? Mein Name ist Joséphine!“ oder wie? Ihre Gedanken wurden glücklicherweise und gleichzeitig auch leider abgelenkt: Und zwar von dem Flugzeug, das entzwei brach.
  Es war ein unglaubliches und traumatisches Erlebnis für Joséphine. Fassungslos musste sie zusehen, wie das Flugzeug dort – kaum größer als ein Punkt, so weit war es schon entfernt – auseinanderbrach, die beiden Teile aufs Wasser aufkamen und sofort versanken.
  Das würde keiner überleben.
  Wieder kam das Schuldgefühl in Joséphine hoch, bohrte sich in ihr Herz wie eine gnadenlose Messerklinge, die Rache wollte für all die Menschen dort.
  Sie musste unbedingt den alten Mann finden! Ob er überhaupt überlebt hatte? Oder lag er schon längst dort im Meer und kämpfte um sein Überleben? Oder war er gleich von den Turbinen in Stücke gerissen worden, hatte kein so großes Glück gehabt wie sie?
  Im nächsten Moment tauchten Füße am Rand ihres roten Fallschirmes auf, und nach und nach der Rest des alten Mannes. Er grinste. Vor ihm auf seinem Bauch hing ein Asiate und grinste ebenfalls. Es war das komischste Bild, das Joséphine je gesehen hatte. Und wider Willen musste sie loslachen.
  Auch die Frau lachte, es klang ungemein erleichtert. Logo, das war ihr Mann!
  Erst da fiel Joséphine auf, dass der alte Mann noch immer seine Sonnenbrille aufhatte. Nur der Hut war weggeflogen. Wie hatte er das bloß hinbekommen? Diese Frage brachte sie abermals zum lachen.
  Sie konnte nicht sagen, wieso, und sie wusste, dass sie angesichts des Flugzeugsunglücks kein Recht dazu hatte. Aber sie fühlte sich in diesem Moment verdammt glücklich.

*

Der Mann hing missmutig über dem roten und dem blauen Fallschirm. Seine eigener hatte sich erst verheddert, und einen grauenvollen Augenblick volle Panik hatte er geglaubt, einfach weiterzufallen, bis ins eisige Wasser, das ihn mit der Sanftheit einer Betonwand empfangen heißen würde.
  Dann aber hatte er es geschafft, und sein Schirm hing wie ein allumfassender grüner Himmel über ihm. Dennoch sah seine Lage keineswegs besser aus: Als er das untergehende Flugzeug beobachtete, überlegte er, ob er nicht doch hätte im Flugzeug bleiben sollen – mit anderen Menschen, aber geschützt vor den Tieren des Meeres zu ertrinken war ihm dann doch eine bessere Alternative als hier im Meer zu versinken wie ein Stein und dann von Haien zerfleischt zu werden.
  Jetzt konnte er allerdings nichts mehr ändern, und sein einziger Trost war, dass er über den anderen hing. So würden sie vielleicht zuerst gefressen werden, und dann wären die Bestien satt. Zumindest so lange, bis ihn der Rettungshubschrauber der NAVY gerettet hatte. Oder wer sonst dafür verantwortlich war. Hauptsache, er kam lebend wieder heim in sein geliebtes, überfülltes San Francisco.
  Als die Personen unter ihm auf dem Wasser auftrafen, begann er zu zittern.

*

„Keine Angst!“, brüllte der alte Mann zu Joséphine hinüber, kurz bevor sie im Wasser versanken. „Hier gibt’s keine Haie. Außer, sie haben Angst vor Plankton!“
  Joséphine erlaubte sich ein kleines Lächeln. Irgendwie vertraute sie diesem seltsamen Mann mit der Sonnenbrille, die sie sich schon gar nicht mehr wegdenken konnte. Ob er ihnen auch irgendwann seinen Namen sagen würde?
  Als sie ins eiskalte Wasser tauchte, kniff sie die Augen zusammen. Das Gewicht der Frau verschwand. Joséphine machte sich Sorgen um den kleinen Jungen. Das Wasser war wirklich viel zu kalt.
  Sie wollte zur Oberfläche schwimmen, doch irgendetwas ließ sie nicht durch. Sie öffnete die Augen, und sah rötliches Licht zu ihr durchscheinen. Der Fallschirm lag über ihr auf dem Wasser!
  Natürlich tat er das.
  Joséphine geriet in Panik. Durch das Wasser konnte sie sich nicht gut bewegen, der Rucksack auf ihrem Bauch störte sie, ihre vollgesogene Kleidung zog sie nach unten. Der Fallschirm war noch immer auf ihrem Rücken befestigt, und als sie ihn panisch entfernen wollte, verhedderten sich ihre Arme in den Seilen und ihre Panik wurde noch größer. Sie riss die Augen weit auf, schwarze Punkte tauchten in ihrem Sichtfeld auf.
  Ihre Lungen schrieen nach Luft. Was konnte sie tun?
  Konnte sie irgendetwas tun?
  Das eisige Wasser ließ ihre Glieder taub werden. Sie startete einen letzten Versuch, die Plane über ihr zur Seite zu schieben. Fehlanzeige. Ihre Arme waren taub. Ihre Lunge brannte.
  Wie hieß noch mal ihre kleine Schwester?
  Joséphine wusste es nicht. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, doch sie konnte es nicht. Sie war zu abgelenkt. Die schwarzen Punkte wurden größer, sie hörte auf, sich zu wehren. Sie öffnete den Mund, und ihre Lungen schnappten nach der Luft, die sie nicht bekommen konnten.

  Eine Sekunde lang wurde das Brennen stärker, dann kam der Frieden.


 TEIL 2 →

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